Kultur : Musik in Berlin: Heidenspaß

Carsten Niemann

Um "King Arthur" möglichst lebendig aufzuführen, war den vocal-concertisten und ihrem Leiter Kristian Commichau jedes Mittel recht. Auf der Suche nach einer weiteren originellen Programmidee hatte sich der aufstrebende Berliner Chor für Henry Purcells Musik zu John Drydens höfischem Mittelalter- und Zauberdrama von 1691 begeistert. Bald war man von der theatralischen Kraft dieser Musik so bezaubert, dass man auf die gewagte Idee verfiel, dieses barocke Ausstattungsstück in der Kreuzberger Heiligkreuzkirche nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch zu präsentieren.

Zwar ruft heute glücklicherweise kaum noch ein Pfarrer "Sünde", wenn im Hause des Herrn szenisch geküsst, getrunken und kopuliert wird; außerdem besiegen die Christen die Heiden, und schließlich wurde das ganze Unternehmen auch noch mit zwei berückend eindringlichen geistlichen Motetten eingerahmt und mit einem Aufruf gegen den Krieg im Allgemeinen beendet. Dennoch rächte sich das Gotteshaus mit seiner Bestuhlung und seinem allzu niedrigen Podium, das die Protagonisten in allen Szenen, wo gekniet oder am Boden gelagert wird, auf sprechende Köpfe reduzierte.

Die Dialoge waren neu übersetzt worden: Während Drydens mit Witz, aber großem Pathos erzählte Geschichte jetzt platt wie eine Seifenoper daherkam ("Ihr wollt also in Eurem Alter noch für mich in den Krieg ziehen?" - "Das ist doch selbstverständlich!"), wandelte die Musik jenseits der ihr eigenen Slapstick-Effekte weiterhin auf hohem Kothurn. Dass man jedoch am Ende für das szenische Experiment (Regie: Lers Warnecke) dankbar sein konnte, lag am Chor: Mit welcher Begeisterung die Concertisten als Heiden durch das Mittelschiff tobten, wie präzise und lebendig im Sprachausdruck sie als Elfen hinter Vorhängen und von Emporen herab mit dem routinierten Orchester (Concerto Brandenburg) korrespondierten, das ließ an Sicherheit und Ausdruckskraft oft die insgesamt saubere Leistung der professionellen Solisten in den Schatten treten.

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