Kultur : Musik In Berlin: Himmelsleiter

Sybill Mahlke

Was die "Jakobsleiter" für Arnold Schönberg bedeutet hat, strahlt aus dem ursprünglichen Plan ihrer gigantischen Besetzung: 20 Flöten, 20 Oboen (davon 10 Englischhorn), 24 Klarinetten, 20 Fagotte usw. bis zu 50 Geigen und 720 Chorsängern. Inhaltliche und kompositorische Gründe dürften dafür stehen, dass die Komposition, deren Text schon 1917 bei der Wiener UE vollständig im Druck erschien, Fragment geblieben ist. Fragment wie "Moses und Aron", wie Alban Bergs "Lulu". Ein Komponist, dem Lebenszeit bleibt, unterbricht eine solche Arbeit nicht ohne Grund. Erst nach 1955 hat Winfried Zillig aus Particellen und Skizzen eine aufführbare Partitur gemacht.

Bei heutigem Hören fällt vor allem auf, dass der Torso nicht das Moment des Scheiterns in sich trägt. "Die Jakobsleiter" hat Schwächen, zumal im Text, weil Schönberg kein genuiner Dichter war. Das Unbeholfene aber steht einem Entwurf, in dem Sanftergebene, Berufene, Ringende zu Wort kommen, nicht im Weg. Das Deutsche Symphonie-Orchester unter Kent Nagano, das sein Festwochenkonzert der Eröffnung des Jüdischen Museums widmet, hat seinem Rang gemäß vokale Helfer erster Ordnung, allen voran den Rundfunkchor Berlin, dessen Höchstform schon nach Verdis "Pezzi Sacri" außer Frage steht. Neben Dietrich Henschel, der die Baritonpartie des Gabriel mit herausragender Präsenz erfüllt, treten unter vielen die Tenöre Thomas Moser, Robert Gambill und die Sopranistin Laura Aikin auf.

Jakobs biblischer Traum - "Und siehe, eine Leiter stand auf der Erde, die rührte mit der Spitze an den Himmel" - trifft sich mit Schönbergs insistierender Sehnsucht, "beten zu lernen": "Denn unsere Zeit sucht wieder ihren Gott." Das ist der ganze Schönberg (1911), Jahre vor der Rückkehr zum jüdischen Glauben. "Erdenjammer! Er muss noch lange wandern!", endet die Vertonung, während die unkomponierte Dichtung verkündet, Gott "schenkt euch ewige Liebe und Seligkeit". Schönberg sah mit Freude, "dass der Anfang eine richtige Zwölftonkomposition war". Gänzlich komponierbar wurde das Stück damit nicht, obwohl die vertrauten Orchesterfarben - Violinsolo, Streichquartett, tiefe Bläser, Akkorde aus Flageoletts und Harfen - für sich sprechen. Das fordert eine so edle wie engagierte Wiedergabe durch das DSO heraus.

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