Kultur : Musik in Berlin: Hommage an einen Hexenkessel

Frederik Hanssen

Das müssen großartige Zeiten gewesen sein, damals, als man noch ganz leicht zum Publikumsschreck werden konnte - weil die Leute Lust hatten am Skandal. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts verwandelten sich die Pariser Konzertsäle in Hexenkessel, wenn Uraufführungen bedeutender Provokateure anstanden. Man brüllte und schrie - je nach persönlichem Geschmack für oder gegen das Werk -, pfiff auf Schlüsseln, manchmal wurden einige Herren im Publikum sogar handgreiflich. In vorderster Reihe der Avantgarde kämpfte die "Groupe des Six" mit, ein halbes Dutzend junger Komponisten, die sich 1918 zusammengefunden hatten und die zwei Dinge verbanden: Die Überzeugung, dass dem Klangrausch der Wagnerianer eine Neue Einfachheit entgegensetzt werden musste - und die Freundschaft mit Jean Cocteau. Der Künstlerphilosoph bildete das Zentrum der Clique, er machte den Musikern Mut, ihren Weg konsequent zu verfolgen. Seine Texte inspirierten die jungen Kollegen zu Kompositionen.

Die Musik der Sechserbande will das Orchester der Deutschen Oper heute noch einmal aufleben lassen. Zu Unmutsäußerungen des Publikums wird es dabei sicher nicht kommen - eher zu einer Begeisterung, wie sie heute auch Gemälde der einst ebenso umstrittenen Im- und Expressionisten auslösen. Während die stilistischen Charakteristika der berühmten "Six"-Mitglieder Francis Pouenc, Darius Milhaud und Arthur Honegger vielen vertraut sind, dürfte das Streichquartett von Germaine Tailleferre, Louis Dureys "Divertissment" und George Aurics "Cinq Bagetelles" selbst für frankophile Musikfans eine Entdeckung sein.

Seit drei Jahren steht die Kammermusikreihe der Deutschen Oper in jeder Saison unter einem Ländermotto. Nach Italien, Österreich und den Nordischen Ländern ist diesmal Frankreich an der Reihe. An sechs Montagen nähern sich die Instrumentalisten der Musikgeschichte des jeweiligen Landes - unter bewusstem Verzicht auf jene Repertoirehits, die jeder Klassikbegeisterte sowieso schon kennt. Der Ehrgeiz des Fagottisten Helge Bartholomäus, der die Reihe in Eigenregie (in seiner Freizeit) mit seinem Orchesterkollegen Rainer Greis organisiert, ist es, seine Zuhörer mit unbekannten Stücken großer Namen und zu Unrecht vergessenen Meisterwerken zu überraschen. Außerdem möchte er möglichst unterschiedliche Besetzungen präsentieren: So hat sich für den Auftritt am 26. 11. Konzertmeister Detlev Grevesmühl mit drei jungen Kollegen zu einem Streichquartett zusammengefunden, während die in jüngster Zeit neu engagierten Bläsersolisten des Orchesters Dureys Ensemblestück als Anlass nahmen, sich kammermusikalisch näher kennenzulernen.

Um die Atmosphäre der Konzertabende aufzulockern, hat Bartholomäus den Buffetpächter der Deutschen Oper überredet, landestypische Kleinigkeiten anzubieten, die die Zuhörer an Bistrotischen rund um die Foyer-Bühne genießen können, während ein Moderator Spannendes zu den Werken erzählt. Am kommenden Montag wird dies der Berliner Musikwissenschaftler Harald Hodeige sein, am 21. Januar ist die Pressechefin des Hauses, Antje Müller, Gastgeberin bei einem Konzert zum 140. Geburtstag Claude Debussys. Für den 18. Februar hat sich der Hausherr selber angesagt: Dann präsentiert Udo Zimmermann zeitgenösssische Komponisten aus Frankreich - garantiert skandalfrei.

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