Kultur : Musik in Berlin I: Entspannt

Carsten Niemann

Berlin ist reich: an Kultur im Allgemeinen und an Kammerorchestern im Besonderen. Berlin ist arm: Erst vier Jahre nach seiner Gründung war das von der Hauptstadt aus geleitete, ohne staatliche Zuschüsse agierende internationale Mahler Chamber Orchestra im Konzerthaus zu hören. Nun konnten wir sie also erleben, die jugendliche Frische, die entspannte Präzision dieses von Claudio Abbado protegierten Ensembles. Eine staunenswerte Sicherheit war es auch, die den Dirigenten des Abends auszeichnete: Von der ersten bis zur letzten Note präsentierte sich der 21jährige Mikko Franck als ein musikalischer Leiter, dem man ohne Vorbehalt jedes Orchester anvertrauen möchte. Der Mann weiss, was er will - und das war an diesem Abend eine frische, eine schlackenlose, nicht unkonventionelle, aber im Detail spannend erzählte Sinfonia Eroica von Beethoven. Etwas mehr Mystik wäre dagegen Joonas Kokkonens Komposition "durch einen Spiegel" gut bekommen: Durch den sehr forschen Beginn konnte das Ensemble die Spannung trotz der mustergültig präsentierten vielfältigen Effekte im Wechselspiel zwischen Streichorchester und fragilem Cembaloklang nicht ganz halten - auch wenn das längst nicht die unhöflichen Huster der letzten fünf Minuten rechtfertigte. Als Magier erwies sich dagegen Joshua Bell: Oft muss er in diesen Tagen Leonard Bernsteins Serenade für Violine und Streichorchester spielen, dieses anspruchsvollste Stück seiner neuen CD. Und doch wirkte seine Begeisterung für Bernstein unmittelbar.

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