Kultur : Musik in Berlin: Im Krebsgang

Ulrich Amling

So jung wie an diesem Abend sieht es selten aus, das Publikum der Philharmonie. Schülergruppen wirken exotisch im Berliner Konzertbetrieb, wo Orchestermusiker inzwischen die Enkel ihrer Abonennten sein könnten. Die Sorge, wie sinfonische Musik, "dieses große Geschenk für die nächste Generation", weitergegeben werden kann, treibt auch DSO-Chef Kent Nagano um. Deshalb regte er die Initiative "Schüler im Konzert" an, die Lehrern helfen will, Konzertbesuche durch spezielle Informationen, Probebesuche und Gespräche attraktiv in den Unterricht einzubinden. "Für junge Menschen", sagt Nagano, "darf es keine Mauer zwischen Bühne und Zuhörern geben." 500 Schüler haben die Pädagogen als Dank mit in die Philharmonie geführt - in ein Programm, das musikalische Traditionslinien nach möglichen Schnittpunkten absucht und den Krebsgang als Symbol der Ewigen entdeckt. Die Nagano-typische Spielfolge (Randrepertoire - Uraufführung - das große Werk) liest sich wie ein Oberstufen-Lehrplan, wirkt aufgeführt aber eher apart als didaktisch. Sicher lässt sich nach einem Happen Ockeghem erkennen, dass sich Unsuk Chin (in der kommenden Saison "composer in residence") in ihren "Miroirs des temps" mit mittelalterlicher Musik beschäftigt hat. Doch eine wirklich aufregende Erfahrung sind nur die ersten Takte: Aus den Tiefen des Schlagwerks steigen Klänge, die sich geografisch (Karibik oder Konstanz?) und zeitlich nicht eindeutig zuordnen lassen. Die Stimmen des leider deutlich abgesungenen Hilliard Ensembles oszillieren zwischen Alter Musik und klassischer Moderne. Eine Schwebung entsteht, Türen springen auf. Die restlichen 30 Minuten sind zwar schön anzuhören, letztlich aber mehr großflächig eingewickelte Mittelalteransichten, als der Grüne Punkt erlaubt.

Ganz dem polyphonen Ideal eines Ockeghem folgend, konzentriert sich Nagano bei Mahlers "Das Lied von der Erde" auf die lineare Entwicklung der Stimmen. Sein Bestreben, jedes Ornament als Stütze, Jugendstil als Moderne zu lesen, führt vor allem im ersten Satz zu schleppender Unordnung. Erst im finalen "Abschied" pendelt sich Naganos undramatischer Mahler in jener schmerzlichen Schönheit ein, die schon in die Neunte hinüberschwingt. Der Altistin Jane Irwin gelingt hier ein Wunder an Natürlichkeit und tiefem Empfinden. Durch das Verebben des Riesenorchesters schreitet ein Mensch. Ein magischer Moment nach artigem Vorspiel.

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