Kultur : Musik in Berlin: Im Porzellanladen

Jörg Königsdorf

Achtung! Das primäre Ergebnis des Konzerts der Berliner Akademie für Alte Musik ist folgende gewagte These: Auslöser für musikalische Stilumschwünge ist - der Wechsel des Essgeschirrs. Heute hören wir Plastikmusik und essen von Plastiktellern, im Barock hatte nur festliches Trompetengeschmetter eine Chance, das Geschepper der silbernen Fleischplatten zu übertönen - und im Rokoko schrieb man Porzellanmusik: Sinfonien und Konzerte als feine, zerbrechliche Manufakturware mit anmutigen Schäferszenen und verspielten Schnörkeleien. Hochwertige Gebrauchskunst, von der Akademie in sechs Exponaten gezeigt.

Großen Tiefgang darf man bei den Werken von Carl Friedrich Abel, Baldassare Galuppi, Johann Christian Bach und Jung-Mozart dabei ebenso wenig erwarten wie von einer Meißner Figurengruppe. Selbst episodische Moll-Stimmungen sind kaum mehr als aparte Gewitterwölkchen am himmelblauen Rundhorizont. Statt dessen wird dem Hörer eine Lektion über individuelle Auslegungen des Parameters Anmut erteilt, dem Fixstern der ästhetischen Welt anno 1775. Genau das richtige Programm für den kleinen Bonbonnieren-Saal des Konzerthauses - und leider genau das falsche für die Akademie. Denn der temperamentvolle Zugriff, das Erfolgsrezept ihrer Barock-Revitalisierungen, wirkt hier, als würde man sein Sonntagsgeschirr in die Spülmaschine stellen: Heraus kommen nur abgewetzte Goldränder und hässliche Haarrisse. Am besten übersteht die Ouvertüre des Mozart-Freundes Thomas Linley die Prozedur: robustes, Händel-orientiertes Wedgwood, während Mozarts erstes Violinkonzert und Johann Christians B-Dur-Klavierkonzert nicht ohne Kratzer auf den empfindlichen Glasuren davonkommen. Und nicht mal richtig sauber werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar