Kultur : Musik in Berlin: Implosionen

Carsten Niemann

Berlin besitzt in seinem Herzen einen Raum von den Grundmaßen des Mittelschiffs der Pariser Kathedrale Notre-Dame: Renzo Pianos Atrium für das DaimlerChrysler Service-Center am Potsdamer Platz. Es war eine bestechende Idee, hier Musik aufzuführen, die für die Räume der großen europäischen Kathedralen geschrieben wurde und dafür das Huelgas Ensemble unter der Leitung von Paul van Nevel zu verpflichten. Die Einspielungen, mit denen diese Musiker berühmt wurden, verbinden Welten: Anders als der körperlos seraphische Klang, den Ensembles wie das Hilliard-Ensemble anstreben, wirken seine Interpretationen durch die historisch korrektere Kombination von durchaus kräftigen Männerstimmen und knabenhaften Frauenstimmen geerdeter. Van Nevel weiß auch die vielstimigsten Kompositionen von der Perspektive des gregorianischen Chorals anzugehen: bewegt und sinnlich sind seine Gesten im Detail, unübertroffen ist die Ruhe seiner gewaltigen musikalischen Bögen. Diese Interpretationen können selbst Fachleuten neue Einblicke in die Musik des Mittelalters und der Renaissance vermitteln, und zugleich sind sie feinste Meditationsmusik, die auch den gestresstesten Großstadtbewohner zu innerer Einkehr verführen kann und will.

Das Programm setzte sich aus einigen der berühmtesten vielstimmigen Werke der frühen Vokalpolyphonie zusammen, unter ihnen Johannes Ockeghems 36stimmiges "Deo Gratias" und Thomas Tallis Motette "Spem in alium" zu sagenhaften vierzig Stimmen. Der oszillierende Klang, der von überall und nirgends zu kommen schien, die hallende und doch die Einzelstimmen nie wabernd zudeckende Akustik, die im Dunkeln im Kreis aufgestellten Musiker: All dies hätte genügt, das Konzert zu einem kostbaren, überwältigenden Erlebnis zu machen. Doch zwei Dinge störten: Das leise aber penetrante Rauschen der Klimaanlage (wir können Kathedralen nachschaffen, aber Ruhe bekommen wir nicht hin) und die groß angekündigte "Dreidimensionale Computer-Echtzeitinstallation" von Bernd Lintermann und Jeffrey Shaw: Wo die konstruierte Musik sinnlich atmete, wirkte deren zielloses Spiel mit abstrahierten Bauteilen nur starr - und so profan wie ein gigantischer Bildschirmschoner.

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