Kultur : Musik in Berlin: Ist hier jemand?

Christiane Peitz

Anja Silja schreit, mit vor Panik glasklarem Timbre. Dann kollabiert der Gesang, stürzt aus der Höhe ins fahle Reich des Todes, um dort zwei, drei unerhört erotische Töne lang die Liebe zu beschwören. Es sind nur wenige Takte, in denen Silja das gesamte Spektrum des menschlichen Ausdrucksvermögens aus- und überschreitet: ein Mensch in einer Extremsituation. Was wurde seit dem 11. September nicht alles darüber fantasiert, diskutiert und geschrieben.

Es ist dunkel in der Philharmonie. Kent Nagano hat für "Erwartung", Schönbergs erste Bühnenmusik, das Licht dämmen lassen. In dieser Finsternis verschafft das DSO Siljas Verzweiflung einen dämonisch zerklüfteten Resonanzraum: jenen Wald voller Schatten und Chimären, durch den eine einsame Frau irrt und auf die Leiche ihres Geliebten stößt. Ist hier jemand? Für Nagano ist Musik die letzte mögliche Antwort auf diese Frage: Sie entsteht aus dem Geist der Angst, die sich im Schrei äußert. Im Schrei nach Trost - nach jemand, der antwortet.

Bruckners fragmentarische Neunte kennt man wuchtiger. Der Komponist schichtet Blöcke aufeinander, der Dirigent hingegen zeichnet Linien, entdeckt Melodien und kittet die Fugen zwischen den Blöcken. Die überwältigenden Tutti-Stellen, selbst im Scherzo bleiben sie halbwegs erträglich.

Warum das so sein muss, versteht die Hörerin erst, als die Sinfonie nach dem Scherzo für Schönbergs "Erwartung" unterbrochen wird. Nagano gestattet keine Pause zwischen den Werken, ebenso schnell schließt sich Bruckners Adagio an. Und Siljas Rauheit der Stimme, wie Roland Barthes es genannt hat, findet tatsächlich eine Antwort: im dramatischen Aufwärtsschritt der kleinen None zu Beginn. Meistens wird dieser Adagio-Anfang so gespielt, dass da ein Klang aufblüht. Nagano macht es anders: Er nimmt die None eine Spur zurück, als sei sie sich ihrer selbst nicht sicher und stülpt das Intervall nach innen. Der da Trost spendet, tut es mit stockendem Atem.

So versagt Nagano sich und seinen Hörern jede wohlfeile Katharsis und hält doch eine unaufhörliche Klangrede. Sagt mit jedem Takt: Was wir hier machen, ist eine Form der Verständigung. Womöglich die einzige, die uns bleibt. Und erst jetzt, zum Adagio-Höhepunkt, dem dissonanten Siebenklang, dröhnt das Orchester-Tutti mit ohrenbetäubender Lautstärke.

Der Applaus, mitten hinein in den verlorenen Schluss der Neunten, bleibt benommen. So schnell löst sich die Spannung nicht, die das Orchester zu erzeugen wusste, weil es Bruckner und Schönberg weniger beherrschte, als dass es sich von der Musik in Bann schlagen ließ. Mit diesem Konzert hat sich das DSO in die allererste Orchester-Liga gespielt.

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