Kultur : MUSIK IN BERLIN: Klassik fürs Abo

MARTIN WILKENING

"Klassik" - ein schönes Wort und auf dem Musikmarkt ein robuster Sympathieträger, in dem der Qualitätskonsument ganz gegenwärtig sein deutliches "Nein" zur näheren und ferneren Gegenwart auch marktwirtschaftlich artikulieren kann.Funktioniert nirgendwo so gut wie bei der Musik."Klassik" hat da bei gewissen Produktionen etwa die gleiche Wirkung wie "Stil" für "Stilmöbel".Wenn eine Konzertreihe dann auch noch den weniger originellen Titel "Wiener Klassik" trägt, ist es schon fast zwangsläufig, daß man dort Tschaikowsky spielt, Beethoven sowieso, denn das Orchester genießt die kulturelle Förderung der Telekom, kommt aus Bonn und heißt, ebenfalls schon fast zwangsläufig, "Klassische Philharmonie Bonn".Warum das Orchester, das seit längerem mit seiner klassischen Abonnenten-Botschaft durch die halbe Republik tourt, erst jetzt zum ersten Mal auch klassischen Berliner Schauspielhaus-Boden betreten durfte, ist wirklich schleierhaft - ein Publikum, das jenen Ort bis auf den letzten Platz besetzte, schien jedenfalls geradewegs darauf gewartet zu haben.Die von Heribert Beissel geleiteten Musiker machen ihre Sache ja nicht schlecht, auch in Berlin gibt es durchaus Möglichkeiten, Beethovens 3.Sinfonie wackliger zu hören, aber vor allem der immer wieder arg unausgeglichene Klang verraten doch eher orchestertechnisch bescheidene Grenzen.Mehr Sinn machte der Auftritt der 18jährigen Japanerin Tamaki Kawakubo, die nach Studien in Amerika heute in der Talentschmiede von Zakhar Bron in Lübeck studiert.Ihre Interpretation des Tschaikowsky-Konzertes besaß klangliche Raffinesse und Eleganz, aber vor allem eine machtvolle Leidenschaftlichkeit im Ton auf der G-Saite, die einen entschiedenen Gegenpol zu den blitzsauber realisierten virtuosen Passagen darstellte.Eine Musikerin, von der man noch hören wird.

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