Kultur : Musik in Berlin: Koitale Gymnastik im Schattenriss

Carsten Niemann

Wütende Proteste der Presse, Rücktritt eines Dirigenten und eines Intendanten, Sühneandacht des Katholischen Frauenbundes: Keine Frage, bei seiner Uraufführung 1921/22 war Paul Hindemiths Kurzopern-Triptychon "Mörder, Hoffnung der Frauen", "Das Nusch-Nuschi" und "Sancta Susanna" ein Skandal(erfolg). Nach dem Krieg wurden die drei expressionistischen Musikdramen nur selten gespielt. Umso grösser die Spannung am Freitag im Hebbel-Theater: Mit der Berliner Erstaufführung des Triptychons erfüllte sich das RIAS-Jugendorchester den lang gehegten Wunsch, ein neueres Musiktheaterwerk szenisch zu präsentieren.

Vom Inhalt der Stücke her gesehen hätten die Eltern der jungen Musiker zögern können, auch die kleineren Geschwister mit ins Hebbel-Theater zu nehmen. Schon in der ersten halben Stunde tobt der Geschlechterkampf, wird eine Frau von einem Krieger gebrandmarkt, worauf sie ihn zu erdolchen sucht und schließlich doch, schwach und voller Begierde, von der Berührung seiner Finger dahingerafft wird. Im "Nusch-Nuschi" treiben die vier Frauen des Kaisers von Burma den schönen Verführer Zatwai zur körperlicher Erschöpfung. Und in "Sancta Suasanna" ist es der Zauber einer Mainacht, der die frömmste Nonne des Klosters derartig in sexuell-religiöse Ekstase bringt, dass sie ihren Leib an das entblößte Bildnis des Heilands zu pressen und dafür lebendig eingemauert zu werden begehrt.

Die Rechnung, dass dies eine zündende Mischung für das junge Ensemble sein würde, ging nur teilweise auf. Denn Regisseur Kai-Bernhard Schmidt liess sich nur zu einer biederen Nacherzählung inspirieren. Die Brandmarkung? Ein kindisches Gerangel auf der Bühne. Die Orgie? Koitale Gymnastik als Schattenriss. Die erregte Nonne? Löst umständlich die zusammengesteckten Haare. Besser wäre es gewesen, auf die Kraft der Andeutung und des suggestiven Bildes setzen. Ein Glück jedoch, dass das RIAS-Jugendorchester unter Hermann Bäumer sein Opernabenteuer souverän meistert. Die satirisch-locker gearbeiteten Passagen im Nusch-Nuschi wurden mit Witz und Präzision hingelegt, während das Hebbel-Theater für die leidenschaftlichen Ausbrüche im vollen sinfonischen Sound manchmal fast etwas eng wirkte.

Unter den Solisten fielen Erika Wahl als gefährliche Frau sowie Esther Lee als erste Bajadere auf, während Nina von Möllendorf und Márta Rózsa als klanglich einschmeichelnd, warm, klar und textverständlich singende Nonnen richtig begeisterten. Letzte Gelegenheit zur Begegnung mit dem Jungen Wilden Hindemith ist heute. Ohren auf, Augen zu, aber hin!

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