Kultur : Musik in Berlin: Konfuzius sagt Qu Xiao-songs Monodram

Christine Lemke-Matwey

Mit großen Ohren saß diesmal nicht nur Martha Mödl im Parkett des Hebbel-Theaters: Oper auf Chinesisch! Und Oper, Musiktheater einmal ganz unspektakulär, ganz episch, ohne jedes folkloristische Säbelrasseln und auch ohne jenes buntscheckig affektgeladene Dschingdarassabumm, das in der Peking-Oper weltweit die circensichen Gelüste befriedigt. Zu all dem verhält sich Qu Xiao-Songs Einakter "Die letzte Saite" nach einem chinesischen Theaterstück des frühen 13. Jahrhunderts wie eine Negativfolie. Die Fabel des blinden Geschichtenerzählers Laohan, der lernen muss, dass die "Schönheit der Welt" weniger eine Frage des Sehnervs ist als eine der Wahrheit, sie ereignet sich eher im Stile eines Traktats - und Sabrina Hölzers Regie tut gut daran, an diesen Vorgaben nicht zu rütteln, sich auf eine sparsame Choreografie und auf wenige stilisierte Gesten im Raum zu konzentrieren.

Einmal nur, als ein Tänzer, ein schwarzer Engel (Qu Ping), den Horizont des Nicht-Geschehens kreuzt, und die 999. Saite der San-Xian, der chinesischen Lyra, reißt, gleitet das Licht in ein schauriges Rot; und einmal nur verlässt Laohan den strengen Raum (Ausstattung Etienne Pluss), kurz bevor auch die 1000. Saite reißt und sich sein Schicksal wenden soll. Damit ist das Höchstmaß an Spannung allerdings erreicht - sieht man von der unerhörten Gesanglichkeit der chinesischen Sprache ab und von den Suggestivkräften des Bassisten Gong Dong-jian.

Wem das im Angesicht des tagtäglichen Weltenchaos und unserer allgegenwärtigen "Opernkrise" zu konfuzianisch-exotisch (oder auch zu betulich?) erscheint, der sei beruhigt: Qu Xiao-Songs Musik wagt, wenn auch zaghaft, durchaus den Spagat zwischen fernöstlich-volkstümlichen und westlich-kunstsinnigen Traditionen, lässt es zunächst gewaltig rasseln, klingeln und trommeln und fängt das erzählerische Seelenheil gern mit Streichern und Holzbläsern auf. So "einfach" der musikalische Satz bisweilen daherkommt: Das Orchester der Zeitgenössischen Oper unter der Leitung des fabelhaft chinesisch sprechenden Rüdiger Bohn (er gibt zugleich den Dorfvorsteher Ma) widmet sich ihm mit Inbrunst - und überzeugt, auf der Bühne sitzend, obendrein noch als tuschelnder, wispernder, rufender Chor.

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