Kultur : MUSIK IN BERLIN - Kulturelle Sprünge

MARTIN WILKENING

Seine "Stimmen der Völker in Liedern" sind Lieder der Völker in Revolte.Vietnam, Kuba, Amerika, Griechenland, Italien und Deutschland - 1973, als Hans Werner Henze seine "Voices" schrieb, war das ein beziehungsreiches Netz, in dem sich die vielen Stimmen scheinbar zu einer Stimme erhoben.Die Sammlung von 22 Liedern für zwei Singstimmen und Instrumentalgruppen verschiedenster Besetzung, die das Ensemble UnitedBerlin jetzt in einer Matinee in der Komischen Oper als Seitenstück zur "König Hirsch"-Premiere aufführte, ist allerdings alles andere als historisch gewordener Agitprop.Als Versuche über die Form des politischen Liedes bezeichnete sie der Komponist selbst, und Versuche, das sind sie im schönsten Sinne des Wortes, in der Offenheit, der grenzenlosen kompositorischen Phantasie und der Vermittlung von Individuellem und Allgemeinem, die hier fast jedes Lied zeigt.

Teilweise bezieht sich Henze auf Modelle, die vom Volkslied, dem romantischen Lied bis zum Eislerschen Song reichen, wobei die letztere Stilreferenz zur Zeit am ehesten historisch wirkt, während gerade aus dem romantischen Lied die vielleicht hintergründigste Heine-Vertonung der Musikgeschichte herauswächst, Heines "Mein Herz, mein Herz ist traurig", dessen Text nur in den zwei letzten bittersüßen Strophen realisiert wird, während die pittoreske Idylle des Vorausgehenden in einer düster leuchtenden Instrumentalmusik eingeschlossen bleibt.Es gibt aber neben Märschen, Tänzen, Serenaden und opernhaften Ariosi auch ganz freie Stücke (deren "Freiheit" man allerdings auch in stilistischer Referenz zur europäischen Avantgarde der Zeit orten könnte), wie z.B.den "Prison Song" auf einen Text von Ho Tschi Min, eine musica impura, in der auch Materialien wie z.B.Pappkarton zur Klangerzeugung verwendet werden.Sowohl gegenüber der Kunstfertigkeit, als auch dem menschlichen Engagement, mit dem hier kulturelle Sprünge verknüpft werden, erscheint dagegen die heutige Crossover-Mode nicht nur banal, sondern geradezu als etwas Bösartiges.

Für das Ensemble war es sicher nicht nur ein Konzert, sondern eine Erfahrung: Den Musikern machte das Wechseln zwischen allen möglichen Instrumenten, Singen eingeschlossen, hörbar Spaß.Frieder Lang und mehr noch Franziska Dukel überzeugten als Gesangssolisten mit der geforderten enormen Vielseitigkeit, und bei Vladmir Jurowskis Dirigat war nicht zuletzt an der Diskretion die hervorragende Einstudierung abzulesen.

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