Kultur : Musik in Berlin: Ludwig, II.

Carsten Niemann

Nur zur Orientierung: David Zinman und das Tonhalle-Orchester Zürich - das sind die mit dem "sensationellen Beethoven"; Simon Rattle und die Wiener Philharmoniker zeichnen dagegen mit ihrer Einspielung der fünften Sinfonie für den "Jahrhundert-Beethoven" verantwortlich - wenn man nach den Ankündigungen der CD-Firmen geht. Die Berliner Live-Überprüfung war für Sir Simon schlecht ausgegangen; nun stiegen die Schweizer mit der "Schicksals-Sinfonie" in den philharmonischen Ring.

"Sensation" musste man nach dem Abend nicht an die Nachrichtenagenturen tickern. Doch Zinmans Fünfte, die zugleich Del Mars Fünfte heißen könnte (nach dem Herausgeber der neuen Bärenreiter-Edition, der wir einige Entschlackungen und Akzentuierungen verdanken), bot eine überzeugende eigene Perspektive: ein leichter, haydnscher Beginn, originelle, wenngleich vielleicht etwas manieristisch ausgebeulte Akzentuierungen (man merkte die Freude über das neue Detail), ein geisterhaft ins Piano überhängender Klang der Naturtrompeten nach dem ersten fanfarenartigen Einwurf im zweiten Satz, ein Gänsehaut erzeugender, geräuschhaft dräuender Übergang zum Finale. So gut Zinman die Gestaltung des musikalischen Einzelmoments beherrscht, so intelligent die einzelnen Formteile des Werks gegeneinander austariert waren: die Stärke seines Dirigats liegt eher in der Vertikalen als in der Horizontalen; statt etwa das Finale konventionell aus einem Vorwärtsdrängen zu entwickeln, kompensierte Zinman den fehlenden inneren Zug durch den virtuosen Überrumpelungseffekt einer überraschend rasenden Schlussstretta.

Was bei Beethoven aufging, wollte in Johannes Brahms Doppelkonzert für Violine und Cello nicht funktionieren: zu deutlich standen sich Zehetmeiers drängender Ausdruckswille, der sich in mitunter recht harschen Soli entlud, und Zinmans kühles Bewegen tönender Formen gegenüber.

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