Kultur : Musik in Berlin: Merci, Maître

Frederik Hanssen

Was für ein Abend! Was für Interpreten!Was für ein Programm! Warum um alles in der Welt ist bei einem Konzert von Georges Prêtre und der Dresdner Staatskapelle die Philharmonie nicht bis auf den allerletzten Stehplatz ausverkauft? Hat es sich denn immer noch nicht herumgesprochen, dass der 77-jährige Dirigent zu den Allergrößten seiner Zunft gehört? Prêtre ist längst eine Art französischer Günter Wand, dessen Auftritte mit jedem Jahr Lebenserfahrung besser, grandioser, intensiver werden, ein feiner alter Herr mit ungeheurem Charme, ein Grandseigneur, der mit minimaler Gestik Maximales erreicht.

Und dann die Dresdner Staatskapelle: Wenn das sächsische Weltklasse-Orchester einen so guten Tag hat wie jetzt beim Berlin-Gastspiel, schweigt auch der musikhauptstädtische Lokalpatriot. Und genießt. Gemeinsam gelingt Prêtre und den Dresdnern ein Abend von vollkommener Schönheit. Damit ist kein Oberflächenreiz gemeint, sondern jene seltene, beglückende Synthese aus Respekt vor den Werken, höchster Sorgfalt in der technischen Umsetzung, enormer Konzentration - und Liebe.

Prêtre hat die Jugendsinfonie seines Landsmanns und Namensvetters Georges Bizet mitgebracht, den Geniestreich eines 17-Jährigen, der sich als genialer Melodiker von vollendetem Formgefühl präsentiert. Mit zarten Bewegungen animiert Prêtre die Dresdner zu sonnenlichtem Klang, trägt den formidablen Solo-Oboisten auf Händen.

Jede wuchtige Düsternis weicht an diesem Abend auch aus Gustav Mahlers "Titan"-Sinfonie, selbst den Trauermarsch umweht nur ein Hauch saudade, bittersüße Melancholie. Herrlich, wie Prêtre die weiten, einem imaginären Horizont zustrebenen Klangflächen des Kopfsatzes modelliert. Wunderbar, wie ihm die Musiker folgen, wie sie stets auch auf die anderen Stimmen achten - und so zu einer Klangbalance von berückender Farbpracht finden. Ein Konzert wie ein Sonnenuntergang am Meer: Nur wer dabei war, kann es fassen. Jeder Versuch einer Nacherzählung endet unweigerlich im Kitsch.

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