Kultur : Musik in Berlin: Rasender Stillstand

Ulrich Amling

Barfüßig lagern sie auf dem Bühnenboden - der Tänzer und sein Tabla-Spieler. Silben sirren durch den Raum, eine Musiksprache mit Vokalen und Konsonanten, ein Gedächtnis der Rhythmen. Finger fliegen über die Ziegenhaut, umkreisen die dunkle Mitte aus Eisenstaub, wirbeln Reismehl auf. Akram Khan, der Shooting Star der Londoner Tanzszene, klatscht zur Tabla von Vishnu Sahai in die Hände. Fünfzehn Minuten lang. Dass es sich hier um ein subtiles Duell zwischen zwei profunden Kennern der indischen Musik handelt, ein feines Wechselspiel gegenseitiger Beeinflussung zwischen freier Improvisation und festgefügten traditionellen Regeln, ahnt wohl nur, wer an dieser Kultur mehr als ihre preiswerten Restaurants schätzt. Den anderen mag sich dieser Start des Khan-Abends beim Köperstimmen-Festival im Podewil als ein ethnologisches Lehrstück dargeboten haben. Was sofort auf die falsche Fährte lockt, will sich doch Khan, der Brite bengalischer Abstammung, nicht als zeitgenössischer Interpret "nationaler" Tänze verstanden wissen. Vielleicht legte er deshalb nach dem rhythmusphilosophischen Auftakt sogleich die Hand an den Videoplayer und zeigte die Kurzfassung seines Solos "Loose in flight": körperliches Gleiten, manipulative Schnitte, Londoner Metropolen-Feeling. In "Fix", seinem neusten Solo, bricht sich seine Kenntnis der Welt des Kathak - des klassischen Tanzes Nordindiens - in einer verblüffenden Sensorik für Rhythmus und Energie Bahn. Ruhe und wirbelnde Füße sind für Akram Khan gleichermaßen kraftvolle Momente. Gesteigert wird dieser Eindruck noch in der ersten Gruppenchoreografie: "Rush" vereint Momente rasanter Beschleunigung und rasantem Stillstands in verblüffender Intensität, stellt allen drei Tänzern das gleiche Material zur Verfügung und erlaubt doch persönliche Ausformungen. Alles Erzwungene, nur noch Zitierbare fällt von Khans Arbeit ab. Sie strahlt eine innere Freiheit aus, sie weit über das internationale Crossover-Niveau erhebt.

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