Kultur : Musik in Berlin: Reiche Fischzüge

Isabel Herzfeld

"Fiddled, fished, fooled" (gefiedelt, gefischt, geflachst) hätten sie in seinem Anwesen Severn House, notierte Edward Elgar. Hier probte er mit William Henry Reed, Primarius des London String Quartet, seine Violinsonate op. 82. Bei einem Konzert in der Wigmore Hall brachte das Ensemble dazu noch das Streichquartett e-moll und das Klavierquintett a-moll zur Uraufführung. Mit durchwachsenem Erfolg, denn die große Zeit von Sir Edward, mit seinen "Pomp and Circumstance"-Märschen musikalischer Begleiter des britischen Nationalgefühls, war 1919 schon vorüber. Die späte Kammermusik zeigt eher die depresssive, konfliktreiche Seite des "britischen Brahms", mit der man nach dem gewonnenen Krieg, im Streben zu neuen, weniger "deutsch" tönenden Ufern, wenig anzufangen wusste.

Heute dafür umso mehr: Im Konzerthaus machten das Mandelring-Quartett und der Pianist Ian Fountain die himmelhoch jauchzende, zu Tode betrübte Klangwelt hinreißend lebendig. Dabei wirkt besonders reizvoll, was seinerzeit für Kopfschütteln sorgte: Im Klavierquintett verknüpft Elgar die kontrastreichen thematischen Fäden nur lose, lässt manchmal gar ihre Enden liederlich herumhängen. Dem starren "Salve Regina"-Cantus antworten die Streicher, deren luzidem Klang der neue Bratscher Roland Glassl eine erdigere Tönung hinzufügt, mit süßen Seufzerketten. Die wiederum lösen sich in wiegende "ungarische" Tanzrhythmen auf, bis der Pianist donnernd dazwischenfährt.

Fountain ist auch in der Violinsonate, in der sich Primarius Sebastian Schmidt als überzeugender Solist erweist, häufig Impulsgeber und wahrt doch bei hitzigster Leidenschaft immer transparente Balance. Aufeinander hören ist auch im e-moll-Quartett das Geheimnis dieses Abends der feinen Nuancen und hochfliegenden, klug durchstrukturierten Entwicklungen. Lohnende Fischzüge, fürwahr.

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