Kultur : Musik in Berlin: Saitenwechsel

Sybill Mahlke

Vor einer ausverkauften Philharmonie hebt das ungewöhnliche Ensemble zu einem auditiven "South American Getaway" ab. Dass die neue Produktion, mit der die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker eine kleine Deutschlandtournee angehen, auch mit ihren frühen Erfolgen wuchert, ist legitim. Mit "ihren" Erfolgen?

Was "die Zwölf" selbst betrifft, so repräsentieren sie pars pro toto, wie das Philharmonische Orchester sich verjüngt hat: Allein Götz Teutsch ist noch von den Mitgliedern des Gründungsjahres 1972 verblieben, ein Youngster auf den ersten Fotos, heute Senior der Gruppe. Lauf der Welt. Aber erinnern kann sich noch mancher unter den Zuschauern an die Gesichter von damals, als die Solocellisten Borwitzky und Finke dabei waren - und Rudolf Weinsheimer, der es liebte, sich als "Cello Nr. 7" vorzustellen. Dieser "Erfinder" und erste Manager der Truppe, die allein fünf Mal beim japanischen Kaiserpaar eingeladen war, blickt nun als Zuhörer freudig auf sein "Lebenswerk". Es ist ein Beitrag zur Berliner Musikgeschichte, weil er diekontinuierliche Entwicklung der ehrgeizigen Cellogruppe des Orchesters spiegelt und sich sehr berlinisch auf ein "Auftragswerk" des Berliner Komponisten Boris Blacher gründet. "Rumba Philharmonica", später durch "Blues" und "Espagnola" ergänzt, wird zu einer Herausforderung für die "12", die mit bizarren Rhythmen und Effekten so durcheinander gewirbelt werden, dass jeder als Virtuose zu brillieren hat.

Nichts da von Tutti-Dienst! Diese Aufgabe prägt die Cellisten bis heute. 12 Solisten Ton für Ton - und einer von ihnen muss im letzten Satz die Saite auswechseln. Wie Ludwig Quandt das in Sekundenschnelle zu Stande bringt, wird als Sondernummer bestaunt. Sein Kollege Georg Faust indes müht sich etwas in der anekdotischen Entstehungsgeschichte des Werkes, die mit Tatjana Blacher zu tun hat: Das Metier des Conferenciers stellt auch den souveränsten Solocellisten auf unvermutetes Glatteis. Dies alles trübt die Begeisterung nicht, vor allem, weil die Premiere in der gewandelten Besetzung dafür steht, dass eine listige Vitalität das Stück vor dem Altern Neuer Musik bewahrt hat.

Bevor es mit sichtlichem Spaß an der Freude zu den Tangos kommt - darunter Piazzolla -, ist Seriöses angesagt: zwei Teile aus der Kunst der Fuge von Bach, mehr dem Schönheitsideal des Träumerei-Cellos nahe als struktureller Schärfe. Eine Aria von Villa-Lobos aber wird von Ana Maria Martinez mit kostbarem Sopran wie von einer fernen Flöte gekrönt.

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