Kultur : Musik in Berlin: Schwelgen

Felix Losert

Gegen Unwohlsein bei Quartettabenden hilft "Spectrum Concerts". Im Kammermusiksaal gelang Frank Dodge, dem Cellisten und künstlerischen Leiter des Ensembles, dem Pianisten Daniel Blumenthal und fünf jungen Musikern der Nachweis. Den größten Anteil hat Janine Jansen; auf ihrer Stradivari spielt die Niederländerin, die an die junge Anne-Sophie Mutter erinnert, mit traumwandlerischer Sicherheit und Eleganz. Ihr Ton entfaltet noch im dichtesten Getümmel seine berückende Wirkung, ohne an Leichtigkeit zu verlieren. Während der Bratschist Joël Waterman, der Hornist Ron Schaaper und der Fagottist Markus Weidmann mit Brillanz und professionellem Understatement assistieren, strahlt der Klarinettist Lars Wouters van der Oudenweijer noch Angespanntheit aus. Er weiß ein samtenes piano zu verabreichen, aber sein Ton könnte noch gewinnen, wenn er die Stürze seines Instruments nicht zwischen den Beinen verstecken würde.

Endgültig das energische Cello von Dodge und das volltönend und schwelgerisch bediente Klavier Blumenthals sorgen dafür, dass das, was die Sieben in unterschiedlichen Zusammensetzungen zu Wege bringen, keine Placebo wird: zu dritt die klangschönen, ein wenig an Messiaen erinnernden "Variations" von John Harbison und ein angeschrägtes Largo von Charles Ives. Zu fünft Franz Schrekers "Der Wind" - der Schrekersche Orchesterrausch kann noch mit kleinsten Dosis hervorgerufen werden. Zu Siebt ein bachbegeistertes Septett von Igor Strawinsky - und schließlich das Sextett von Ernst von Dohnányi: Der Bartók-Zeitgenosse wollte von Fortschrittszwang nichts wissen und ließ lieber seiner überquellenden Fin-de-siècle-Phantasie freien Lauf. Allerspätestens nach dem in wahnwitzigem Tempo hingelegten Finale war der gesamte Saal gesund und munter. Eine Nebenwirkung hat "Spectrum Concerts" allerdings: Es besteht Suchtgefahr.

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