Kultur : Musik in Berlin: Selige Liebe

Sybill Mahlke

Nun haben sie ihm eine letzte Hommage gesungen, Götz Friedrich, dem Generalintendanten der Deutschen Oper Berlin, am Ende seiner Amtszeit. Ihr ist das Ende der Lebenszeit im Dezember 2000 zuvorgekommen. "Das süße Lied verhallt" eigentlich jenseits dessen, was der große Regisseur in seinem Blütenalter als "Abenteuer Musiktheater" verteidigt und gelebt hat, denn der Abend ist eine Rampenrevue. Aber Friedrich, der Theatermann, hat auch die "Festliche Opern-Gala" nicht verschmäht, weil sie reflektiert, dass "Zeit für Oper", sein ästhetisches Credo, hier und jetzt und nötig sei. Wenn also eine solche Gala, die er selbst noch initiiert hat, von den geplanten drei auf vier Stunden anschwillt, dürfte ihm das nur recht gewesen sein. Alfredo Cupido, der den Namen des Liebesgottes trägt und die Arie des Kalaf "Nessun dorma!" schmettert, ist der eigentliche, genuine Galasänger: Kommt und siegt mit keiner weiteren Ambition als der, schön und mächtig zu singen, und der Beifall rast in das Orchesternachspiel hinein.

Karan Armstrong, Götz Friedrichs Witwe, sitzt in der Intendantenloge und spart nicht mit Applaus für alle Kollegen auf der Bühne. Da es auch ihr öffentlicher Abschied ist, wandern die Blicke nach oben und die Gedanken zum Beispiel nach Bayreuth 1979, wenn nun hier der dritte Akt "Lohengrin" erklingt, der Chor "Treulich geführt" in erstklassiger Wiedergabe und dann, brav gesungen von Robert Dean Smith und Eva Johansson, der Dialog im Brautgemach. Carl Dahlhaus hat davor gewarnt, die Szene, über die im dramatischen Zusammenhang bereits die Unentrinnbarkeit ihre Schatten breitet, "isolierender Wahrnehmung" auszusetzen. Das geschieht naturgemäß in der Gala, denn die tragische Situation, wie Friedrich sie einst mit seiner Protagonistin und Muse Karan Armstrong als Elsa interpretiert hat, eignet sich nicht fürs Rampensingen. Lohengrins Abschied, Wotans Abschied mit dem immer noch grandiosen Robert Hale, der die mythische Dimension sogar in das Gala-Ambiente einbringt, viel Abschied ist in der Musik, Trennung, Addio und Tod. "Angst vor dem Tod zu nehmen", hat Friedrich einmal gesagt, "ist die wichtigste Art von Befreiung, die ich mir denken kann, und wenn die Oper vom Tod singt, ihn singend bannt, hat sie eine der Freiheit unerhört dienende Funktion." Friedrichs Lebewohl.

Christian Thielemann und Jiri Kout teilen sich in die Leitung, der temperamentvolle Dirigent und der besonnene, beide wechselnd mit Wagner und Verdi vor dem gut aufgelegten Orchester. An der erstaunlichen Entwicklung des ehemaligen Stipendiaten Arutjun Kotchinian, der den Wurm in "Luisa Miller" neben Ana Maria Martinez und Reinhard Hagen gibt, lässt sich ablesen, dass auch in Friedrichs späten Intendantenjahren noch junge Sänger gefördert und gehegt wurden. Martinez als Traviata und Violeta Urmana als Lady Macbeth sind auf der Höhe ihrer Kunst anzutreffen, in einer Vollkommenheit, die derzeit unanfechtbar ist. Erstaunlicher schon Bernd Weikl, seit Jahrzehnten auf der Bühne und bei dieser Gelegenheit in so heterogenen Partien wie Jago und Falstaff umjubelt. Den Typ eines Theatermachers im Sinn Thomas Bernhards, der sich jedoch hierbei noch einmal im repräsentativen Rampenlicht mit seinen Wagner-Highlights echauffieren darf, stellt René Kollo dar. Ein wenig Entertainer, ein wenig Es war einmal, winkt sein Jung-Siegfried dem Waldvöglein auf den Rängen zu. Das Publikum feiert eine Lebensleistung.

"Selig grüßt dich dein Weib" hat Gabriele Schnaut, stimmlich noch nicht gänzlich erholt, Brünnhildes Gesang beendet, als Thielemann sich dem Thema der seligen Liebe hingibt. Den Wogen der Musik wird eine Projektion des Zeittunnels aus Götz Friedrichs "Götterdämmerung" beigegeben, die dafür steht, dass seiner Oper Zukunft, aber auch neue Welt aufgeht.

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