Kultur : Musik in Berlin: Tanz auf dem Erbe

Sybill Mahlke

"Und ich muss gestehen, dass ich am allerliebsten mit diesem Orchester Bartók und Kodály spiele" - ein legendär verankertes Wort von Ferenc Fricsay, dem ersten Chefdirigenten des RSO, dem Frühvollendeten, dessen Musik nachglüht über die Klangdokumente hinaus, so wie große Erinnerungen vor nachgeborenen Generationen nicht Halt machen.

Nun steht Ferenc von Szita am Pult des Orchesters, das vormals seinem Großvater gehörte und gehorchte. Es nennt sich inzwischen Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, betritt eben musikalisches Neuland mit Kent Nagano, setzt sich aber traditionell noch immer für den künstlerischen Nachwuchs ein. Die Reihe heißt heute "Debüt im Deutschlandradio". Offenkundig fühlt Ferenc von Szita, der den Mädchennamen seiner Mutter trägt, wie schwer es ist, der Enkel einer Legende und in deren Beruf tätig zu sein. Denn die plötzlich offenbarten Familienbande sind lange im Verborgenen, um nicht zu sagen Geheimnisvollen geblieben, obwohl der junge Musiker aus Budapest, 1969 geboren, in Berlin aufgewachsen ist. Studium am Mozarteum Salzburg und Dirigate in Ungarn säumen den weiteren Weg.

Der Auftritt in der Philharmonie gestaltet sich entwicklungsreich. Was in Ferenc von Szita steckt, lässt sich zunächst nur ahnen, wenn er automatenähnlich, mit rudernden Bewegungen, mit opulentem Aufwand bei Selbstverständlichkeiten vor einem Elite-Orchester die "Hebriden"-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy angeht. Dennoch fällt schon hier auf, wie er sich Mühe gibt, Instrumentalsoli auf Händen zu tragen.

Die Tanzsuite von Béla Bartók, die Ferenc Fricsay in den fünfziger Jahren wiederholt mit dem Orchester aufgeführt hat, mehrfach sogar innerhalb reiner Bartók-Programme, ist ein speziell ungarisches Anliegen, weil sie das Vereinigungsjubiläum der Städte Buda und Pest als Kompositionsauftrag feiert. Szita wirft sich in die rhythmische Spannkraft des Werkes quasi ohne Netz, wird in seiner Gestik viel beredter und gibt der patriotischen Musik Vehemenz. Ein Könner. Trotzdem wirkt seine Persönlichkeit seltsam verschlossen, so als wolle er aus dem innersten Schrein seines Wesens nichts verraten. Er müsste sich bereit finden, mehr auf die Musiker und das Publikum vermittelnd zuzugehen, Kontakt im Sinn von Dialog zu suchen. Wie die Sänger pflegen auch die großen Dirigenten stets zu einem Teilchen Rattenfänger zu sein. Da besteht bei Szita noch Bedarf.

Verblüffend ist das musikalische Gedächtnis. Denn welcher Dirigent begleitet schon ein Harfenkonzert von Elias Parish-Alvars (1808 - 1849) nebst dem dritten Violinkonzert von Camille Saint-Saëns auswendig! Dass Szita sich diese Aufgabe zur Herzenssache macht, kommt der Musik zugute wie den Solisten: der Harfenistin Florence Sitruk, 1974 als Tochter deutsch-französischer Eltern in Heidelberg geboren, einer anmutigen Virtuosin; vor allem aber dem 25-jährigen Briten Matthew Trusler. Dies ist ein Geiger der Bravo-Klasse, imstande, selbst aus einer Musik, die nichts zu sagen hat, Interpretengold zu holen. Den edlen Salonton versieht Trusler mit feinen Nuancen aus eigener Vorstellungskraft. Mozart oder Mendelssohn würde man gern von ihm hören.

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