Kultur : Musik in Berlin: Ueckers Hammer

Sybill Mahlke

Der Philosoph und Theaterfan Albrecht Wellmer plädierte auf dem Wagner-Verdi-Symposium der Staatsoper kürzlich für eine Infusion der Oper mit den Mitteln gegenwärtigen postdramatischen Theaters. Namen, die er für solche Öffnung nennt: Marthaler, Neuenfels, Kagel, Sciarrino, Schnebel.

Überredende Vermittler einer progressiven Kunstmischung, die den homo ludens in jedem Wortsinn verkörpern, haben sich in dem Kammerensemble Neue Musik Berlin zusammengefunden. Dass in den Instrumentalisten auch Schauspieler stecken, war auf der letzten Berliner Biennale in "Lohengrin" von Sciarrino zu erleben. Jetzt kommt es in ihrer "Agenda" zu einem Programm, das sie, zusammen mit Gästen und den "Maulwerkern", Dieter Schnebel widmen.

Nie ist der Kleine Saal des Schauspielhauses so sympathisch-demokratisch aufgeteilt worden wie diesmal. Die Zuschauer sitzen einander gegenüber, während sie die Spieler mit deren Klängen auf dem breiten, querlaufenden Mittelgang und überall beobachten können. Die enge Guckkastenbühne wird unter der Regie von Christian Kesten zum Teilchen in einem großzügigen Raum für Raummusik. Mit der Applausordnung macht man sich einen Verbeugungsjux zwischen allseits gleichberechtigtem Publikum.

Da es in der Reihe "Farbe, Form, Figur - Musik im Dialog" um Schnebels "MoMA" geht, vergleichbar Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung", wird auch der Hörer zum imaginären Wandern animiert. Die "Museumsstücke II für bewegliche Stimmen und Instrumente" (1995) fordern ihn auf, sich in die Atmosphäre des berühmten New Yorker Hauses zu versetzen. Für das musikalische namedropping - in dieser Ausführung von Frida Kahlo bis Victor Vasarely - hängt ein Transparent in der Saalmitte, das per Videoprojektion vermittelt, wer jeweils besungen wird. Und aus Klängen unter der Leitung von Steffen Tast werden Bilder, Fantasien, weil Schnebel ein Meister der Grenzüberschreitung ist. Töne gehen auf die Reise, und die Wahrnehmung sieht Paul Klee. Landschaftsbilder tauchen synästhetisch auf, wenn die Gruppe um Münter/Kandinsky heimatlich musikalisiert wird. Schnebel, Schöpfer einer Majakowski-Oper, spielt hier mit reiner Kunst: Kienholz lässt die Bläser aufmarschieren, Francis Bacon in sein Atelier blicken. Weniger geheimnisvoll klingt Uecker, weil der Hammer ein fabelhaftes Musikinstrument ist.

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