• Musik in Berlin: Verschwommen. Die Berliner Philharmoniker blasen Schostakowitsch light

Kultur : Musik in Berlin: Verschwommen. Die Berliner Philharmoniker blasen Schostakowitsch light

Christiane Peitz

Manchmal kann man es hören, dass Musik eine alterierte Form des Lärms ist. Bei Strawinsky und bei Schostakowitsch zum Beispiel. Beide übersteigern das Chaos der Großstädte und das Getümmel der Kriegsschauplätze des 20. Jahrhunderts zur musikalischen Gestalt; die Gewalt, die solcher Überformung innewohnt, beschönigen sie nicht. Olli Mustonen gibt bei Strawinskys "Concerto für Klavier und Bläser" den Robotermenschen: Sitzt am Flügel und schlägt zu. Jeder Akzent eine Attacke, jede Synkope ein Treffer. Und weil er sich auch noch mit absichtsvoll übertriebenen Gesten den Schweiß abwischt, wird Strawinsky Performance pur: triadisches Ballett, verrückt-verzückte Automatenmusik inklusive verzerrter Reminiszenzen an Bachs Polyphonien. Bloß die Berliner Philharmoniker, unter der wenig inspirierenden Leitung des für den erkrankten Lorin Maazel eingesprungenen Paavo Berglund, wollen nicht mitspielen und neutralisieren Mustonens akkurate Wahngebilde: Strawinskys Kakophonie ist ihnen nur sperrige Dissonanz. Die Scherben funkeln nicht, sie liegen wahllos herum.

Auf dem kurzfristig geänderten Programm stand außerdem Dmitri Schostakowitschs 8. Symphonie aus dem Jahr 1943. Die Schlacht von Stalingrad war gerade gewonnen, der Krieg irrlichtert durch die gesamte Partitur. Marsch und Fanfare, Totentanz und fahle Elegie, das Englischhorn träumt vom Frieden, Blechbläser und Schlagzeug betäuben die Ohren. Gefühl und Härte, verlorene Schönheit - Trümmermusik. Auch hier käme es auf den Mut zur unerbittlichen Präzision an, auch hier fehlt sie leider. Die scharfe, doppelt punktierte Note im c-moll-Leitmotiv, dem Sekundpendel, gleich zu Beginn: verwischt, verharmlost, verschenkt. Das plötzliche Pianissimo nach dem dreifachen Forte am Ende des ersten Satzes reißt kein gefährliches akustisches Loch, sondern lässt die Fassade nur ein wenig bröckeln. Auch der überdehnte Schrei der Bläser im dritten Satz implodiert nicht, er bricht nur irgendwie ab. Selbst der unaufhörlich repetierte, ebenfalls hart punktierte Passacaglia-Bass im Largo wird weichgespült. Gewiss ist all das keine interpretatorische Absicht: Paavo Berglund bürstet Schostakowitsch nicht besänftigend gegen den Strich; ihm scheint der ins Extrem getriebene Kontrast zwischen musikalischem Kraftakt und "schönen Stellen" schlicht egal. So reißt die Spannung, lange bevor sie unerträglich wird.

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