Kultur : Musik in Berlin: Wie ein Kunstdruck der Toteninsel

Ulrich Amling

Zwischen Ehrgeiz und Größenwahn liegt oft nicht viel freies Feld - und im Falle von Daniel Hardings Debüt beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin nur ein schmaler Grat. Ausgerechnet Gustav Mahlers zehnte Sinfonie sollte es sein, ein Werk, für das sich sein Mentor Simon Rattle seit über zwanzig Jahren einsetzt - und das ohne die Interpretationen des kommenden Philharmoniker-Chefs wohl nie einen festen Platz im Konzertrepertoire ergattert hätte.

Nun wollte Harding, selbst Mitte zwanzig, im Schauspielhaus nicht alles anders, aber vieles besser machen. Genug zu tun gäbe es ja: Die von Deryck Cooke erstellte Konzertfassung des Fragments fordert wie kein anderes Werk zu künstlerischen Bekenntnissen heraus. Konnte der Komponist die Gesamtanlage noch komplett skizzieren, so drang er zu Instrumentation und Feinschliff nicht mehr vor. Wo Rattle ergänzend auf seine profunde Mahler-Erfahrung zurückgreift, setzt Harding auf Intuition und auf ein von der Spätromantik geprägtes Sinfonie-Verständnis. Wie Rattle betrachtet er den Torso als Ganzes - und damit sind die Gemeinsamkeiten auch schon erschöpft. Denn Harding richtet sich gemütlich in der riesigen Mahler-Blaupause ein. Er zeigt eine Schwäche für Luxus und lässt die Streicher des Rundfunk-Sinfonieorchesters so samtig schnurren wie einen großvolumigen Sechszylinder.

Das ist beeindruckend einstudiert. Nur: Aus dem Leerlauf kommt es nicht heraus. Und mit der Elastizität des Edeltriebwerks, die für Mahlers typisch unstete Takte so dringend benötigt wird, ist es auch nicht weit her. Selbst die furchterregende Neunton-Stele des ersten Satzes taucht der Debütant in schummriges Licht, wie einen billigen Kunstdruck von Böcklins "Toteninsel". Das Scherzo klingt dann gar nicht mehr nach Mahler, sondern erinnert in seiner Bräsigkeit erst an den späten Hindemith und gegen Ende an Elgar.

Ist die sagenumwobene Zehnte also in Wirklichkeit ein reaktionärer Brocken? In Hardings Lesart fällt sie weit hinter Mahlers neunte Sinfonie mit ihrem schmerzlichen Abschied von der Welt und ihrem kompositorischen Wagemut zurück. Soweit, dass man sie nicht mehr hören kann.

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