Kultur : "Musik ist Spaß": Wenn Abbado wieder Blitze schleudert

Sybill Mahlke

Die Spaßkultur erobert nun auch die Philharmonie, obwohl mancher dort noch Traurigkeit haben mag, weil es eine Wunde in der menschlichen Harmonie gibt. Vielleicht ist dem ausgeschiedenen Intendanten Elmar Weingarten wie dem zum Glück wieder genesenen Chefdirigenten Claudio Abbado am ehesten gedient, wenn in der Öffentlichkeit über ihre Krise vorläufig geschwiegen wird, wie sie es selbst tun. Das Gefühl neigt sich der symbolistischen Vase zu, die einen Riss hat: Berühre sie nicht!

Das launige Thema "Musik ist Spaß auf Erden" soll also die Philharmoniker-Saison beflügeln, das Silvesterprogramm unter Abbado richtet sich auf das Resümee "Alles ist Spaß auf Erden", das der späte Verdi zieht, und der szenische "Falstaff" der Berliner wird wiederum den Salzburger Osterfestspielen vorbehalten sein. Da muss es dann auch tutti gabbàti heißen, nämlich dass in dieser berühmtesten Buffofuge "lauter Gefoppte" unterwegs sind.

"Wie das Publicum sich fortwährend die hellen Thränen von den Backen wischte", referiert der Wiener Kritiker Eduard Hanslick über frühe venezianische Darbietungen der "Italienerin in Algier" von Rossini: es ist ein Gipfel der Muselman- und Serailkomik, der das erste Berliner Konzert unter dem Spaßmotto prägt: in bizarrer Eigeninszenierung, die sogar einen Pfahl zum Zweck des "Pfählens" auf die philharmonische Bühne bringt, geben die Sänger-Komödianten ihrem theatralischen Affen Zucker, während die Herren des Rundfunkchores ihre Eunuchenrollen lieber streng konzertant anlegen. Der musikalische Zierat des ersten Finales aber blüht, weil verschwenderische Artistik die virtuosen Koloraturen eines sprachverwirrten Ensembles erfüllt, angeführt von Lorenzo Regazzo, Daniela Barcellona, Laura Aikin und Werner Güra. Das sind der geprellte Mustafa, seine angebetete Isabella, die er nicht kriegt, seine Gattin Elvira, die er behalten darf, während Lindoro, der Lieblingssklave Mustafas, in der Erstgenannten seine Geliebte wiedererkennt.

Scherzos, Marsch oder Polka von Prokofjew oder Igor Strawinsky sind so rhythmus-betont wie rhythmisch vertrackt, und die Blitze, die Abbado nun wieder mit dem Taktstock zu schleudern fähig ist, schlagen hier und da noch ins Ungewisse. Das Philharmonische Orchester bewegt sich auf relativ selten betretenem Terrain, wenn es Zuckerplätzchen als Hauptspeise, von Stück zu Stück hoppelnd, zu präsentieren hat. Ein Flair von Gelegenheitsmusik stellt sich dabei ein, vom "Türkischen Marsch" und "Chor der Derwische" Beethovens zu Polka und Galopp von Schubert / Maderna. Während Andreas Blaus Flöte Elfisches von Mendelssohn Bartholdy und Otto Nicolai schmückt, ist im "Till Eulenspiegel" von Strauss die Hornistin Marie-Luise Neunecker als eiserne Lady zu bewundern. Und Abbado wird mit Impetus gefeiert wegen ruhmreicher Wiederkehr.

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