Musik : "It must schwing"

Michael Bublés neues Album ist ein hübscher traditioneller Leisten, der erwartungsgemäß auf Platz 1 einsteigt.

Ralph Geisenhanslüke
Michael Bublé
Michael Bubléddp

Alfred Lion und Francis Wolff, die Gründer des New Yorker Blue-Note-Labels, hatten eine klare Auffassung davon, wie Jazz klingen sollte. Die beiden deutschen Emigranten aus Berlin ließen es sich nicht nehmen, bei den meisten Aufnahmen im Studio zu sein und immer wieder ihre Maxime zu formulieren: „It must schwing“. So ähnlich hatte es schon Duke Ellington, 20 Jahre vor Lion und Wolff, in einem Songtitel ausgedrückt: Wenn es keinen Swing hat, taugt es nichts. Damit war nicht nur die rhythmische Struktur gemeint, sondern die ganze Haltung, beziehungsweise Beweglichkeit eines Musikers. Bis heute gilt: Was Swing hat, taugt zumindest etwas.

Swing als Stilrichtung ist meist klassischer Big-Band-Jazz, wie er seit über 80 Jahren existiert. Alle Jahre wieder wird ein Revival ausgerufen oder jemand wie Robbie Williams zum „neuen Sinatra“ erklärt. Auch in diesen Tagen steht Swing hoch im Kurs. Roger Cicero etwa wird morgen für Deutschland beim Eurovision Song Contest mit einer Swing-Nummer antreten. Und dann ist da natürlich Michael Bublé. Ein Entertainment-Vulkan mit den Knopfaugen eines Boygroup-Sängers. Der 31-Jährige schafft es immer wieder, den Staub von alten Stücken zu blasen und generationenübergreifend zuzuschlagen. Seine Version von „Feelin’ Good“, einem Song, mit dem Nina Simone bekannt wurde, lief bei uns eine halbe Ewigkeit, sogar als Trailermusik von TV-Sportsendungen. Allein das ist schon eine kulturelle Errungenschaft.

Michael Bublés neues Album ist ein hübscher traditioneller Leisten, der erwartungsgemäß auf Platz 1 einsteigt (womit die ersten drei Plätze der deutschen Charts von kanadischen Künstlern besetzt sind). Natürlich gibt es ein paar Überraschungen, etwa wie er Leonard Cohens „I’m Your Man“ mit furiosem Gebläse aufpumpt. Oder die sanfte Art wie er „Me and Mrs Jones “ interpretiert. Jazz, hat Frank Zappa einmal gelästert, sei nicht tot, er rieche nur komisch. Michael Bublé klingt wie eine Frischzellenkur. Und bevor der Schwing eines fernen Tages stirbt, beschert er uns noch eine Menge unverantwortliches Schubiduh. Ralph Geisenhanslüke

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