Musik : Käpt’n Raubär

110 Kilo, ganz viel Herz: Der Schwermatrose Rummelsnuff erobert mit elektronischen Shantys die Berliner Clubszene.

Eva Kalwa
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Rummelsnuff braucht 4000 Kalorien am Tag, um in Form zu bleiben. -Foto: Uwe Steinert

Wann ist ein Mann ein Mann? Roger Baptist würde sich diese Frage nie stellen. Ein Mann ist ein Mann, Punkt. Er kann Kapitän sein, Ringer oder Bergmann, wichtig ist allein, dass sein Schweiß echt ist, seine Arme stark, sein Durst groß und seine Träume weit wie das Meer. Mit Rummelsnuff hat der Berliner Sänger und Musiker Baptist einen Archetyp für alle echten Kerle geschaffen: mit Armen wie Baumstämmen, einer Stimme wie ein Orkan und einem Herzen aus Gold, Glut und Glauben – Glauben an sich selbst und daran, dass sich das Leben einmal für alle Mühen erkenntlich zeigen wird. „Ein Käpt’n gibt nie auf“, heißt es im Lied „Halt’ durch!“ vom gleichnamigen Debütalbum, das Baptist alias Rummelsnuff heute im Berghain mit seiner Band vorstellt.

Wer meint, schon alles auf einer Bühne gesehen und gehört zu haben, der kann hier noch überrascht werden. Ungläubiges Erstaunen ist die erste Reaktion, gefolgt von der Frage „Was soll das alles?“, die sinngemäß auch das Musikmagazin „Spex“ in seinem aktuellen Porträt über den Künstler stellt: „Ist Skepsis angebracht?“ Ein nahe liegender Gedanke – angesichts der ästhetischen Anleihen bei Riefenstahl, Breker und Co. in den auch während der Auftritte gezeigten Musikvideos. In „Ringen“ posiert Rummelsnuffs Kampfkörper heroisch vor dem Olympia-Stadion, dazu donnert seine Rammbock-Stimme: Die Botschaft könnte politisch so schwarz-weiß sein wie die Optik – wenn da nicht, Parodie für Fortgeschrittene, ein Brustmuskel wäre, der fröhlich im Takt der Musik zuckt. Beim Anblick des linksalternativen, teils homosexuellen Publikums vor der Bühne verflüchtigen sich Zweifel: Aus der rechten Ecke scheint dieser Ostwind nicht zu wehen.

Die anabole, cartooneske Mischung aus Freddy Quinn, Hans Albers, Popeye und Dino-Baby am Mikrofon ist auch ohne Politisierung nicht leicht zu begreifen. Die brachiale Holzfäller-Mucke mit ihrem wuchtigen Bass, mit verspielten Elektro-Beats, harten Drums und dem Fernweh-Sound des Schifferklaviers hingegen schon. Selbst Shanty-Gegner ertappen sich da beim Schunkeln. Wie sanft schaukelnde Dingis verfangen sich die schlichten Texte in den neuronalen Netzen: „Von Hammerfest bis Sansibar/ Sonnenschein das ganze Jahr.“

Zur See gefahren ist Baptist tatsächlich. Das war 1999, als der heute 41-Jährige seine Musikerkarriere nach einigen Jahren bei der legendären Dresdner Underground-Formation „Freunde der italienischen Oper“ und seinem eigenen Projekt Automatic Noir am Ende glaubte. Auf einem norwegischen Handelsschiff brannte sich die Sehnsucht nach Erprobung und Überwindung in sein Herz.

In Berlin-Rummelsburg bekam er wieder festen Boden unter den Füßen und investierte viel Zeit in Krafttraining, mit dem Ergebnis, dass der Grüntee-Trinker heute bei einer Körperlänge von 1,76 Meter 110 Kilo auf die Waage bringt. Damit die Proportionen so bleiben, wie sie sind, nimmt er pro Tag mindestens 4000 Kalorien zu sich und absolviert ein intensives Training. Der Kraftraum befindet sich wie sein Schlafplatz und Studio auf dem ehemaligen DDR-Rundfunkgelände in der Nalepastraße. „Ich habe schon als Jugendlicher Kraftsport getrieben und fand es toll, bei den Spartakiaden als ‚stärkster Schüler’ und ‚stärkster Lehrling’ ausgezeichnet zu werden“, sagt er. Vor diesem Hintergrund möchte Baptist die Körper- und Kraftverehrung in seinen Musikvideos verstanden wissen, faschistoid sei das nicht: „Körperkult gab es schon lange vor den Nazis. Mir gefällt diese Art der Ästhetik, mehr nicht. Jeder kann das Augenzwinkern und die Selbstironie in einem Song wie ‚Ringen’ wahrnehmen. Ost-Vergangenheit und Glatze machen noch lange keinen Rechten aus mir.“

Empörung zeichnet feine Linien in das glatte, jungenhafte und doch reife Gesicht. Die Botschaft lautet: Schau mich an in all meiner widersprüchlichen, beweglichen, lächerlichen, verletzlichen und wunderbaren Muskelmasse Mensch, und du wirst etwas sehen, für das es keinen Namen gibt. Der „Rummelkäpt’n“ hat nie etwas mehr gehasst als Denkschubladen. Schon in den 80ern, in der Enge des sächsischen Großenhain mit seinen 18 000 Einwohnern, provozierte der Jugendliche, weil er eigene Wege gehen wollte. „Ich war nie Punk, Skin oder Gruftie, ich nahm mir einfach das Beste von allem. Ich mag keine Etiketten. Nur andere ordnen mich ein.“ Zu seinen musikalischen Vorbildern zählen Kraftwerk, DAF, Fehlfarben, Trio und Joy Division. Er selbst nennt seinen Stil „Berliner Strommusik“ und „Elektro-Punk-Gassenhauer“. Die Akkord-Schemata sind oft einfach gestrickt, kräftige elektronische Bässe treiben Energie und Atem voran.

Auf der Platte finden sich auch zwei aggressive, gewaltbejahende Stücke. Die Texte zu „Fett in die Fresse“ und „Vollnarkose“ („Schweineschnauzen, Arschgesichter / viel zu viele gibt es hier!“) hat der Schauspieler und Atemtherapeut Roman Shamov, verfasst. Der sei eigentlich ein ganz lustiger, lieber Kerl, sagt Baptist, die Songs hätten reine Ventilfunktion: „Irgendwie muss es ja raus, das Böse!“ Baptist bejaht das Sperrige und Nonkonforme aus Überzeugung und nicht aus dem Kalkül heraus, dass nur noch Schock und Provokation einen Platz am übersättigten Musikmarkt freiräumen könnten. Weder glaubt er an solche Marketingstrategien noch sucht er den massenkompatiblen Erfolg. Nicht als Rummelsnuff und nicht als Roger Baptist, denn die Grenzen zwischen beiden verschwimmen nicht nur auf der Bühne: Der ostdeutsche Kraftbolzen mit dem scheuen Herz hat in dem unerschrockenen „Rummelkäpt’n“ ein neues Zuhause gefunden. Die Zuschauer werden Zeuge dieser Metamorphose und beklatschen Mut, Hingabe, Humor – für einen Abend selbst fröhliche Freibeuter im Geiste.

Rummelsnuff stellt sein Debütalbum „Halt’ durch!“ (ZickZack) heute um 22 Uhr in der Berghain-Kantine vor (Rüdersdorfer Straße 70, Friedrichshain).

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