Kultur : Musik lügt in der Luft

OLIVER TEPEL

Zuerst war da ein junger Mann mit einem Faible für die Pioniere der elektronischen Musik.Auf Parties legte er Platten von Pierre Henry oder den Klangtüftlern des BBC-Workshops auf.Atonale E-Musik, Soundtracks aus Fernsehserien wie "Dr.Who" und Filmen wie "Andromeda - tödlicher Staub aus dem All" vermischten sich mit frühem Elektropop.Eigenartige Menschen in silbernen Glitzerkostümen tanzten dazu.Hier traf der junge Mann namens Barry Smith die seelenverwandte Ann Shenton und beide beschlossen, fortan selber Musik zu machen.

Komplett war das Team, als sich ihnen der schweigsame Steve Clayton anschloß.Die drei entliehen einer alten Computersprache die Formel für eine unendliche Zahlenreihe, und Add N to (X) war geboren.Daß das Londoner Trio von Anfang an Verwirrung stiftete, lag an ihrem offensiven Auftreten.Sie haben nichts gemein mit den Vertretern aktueller elektronischer Musik von Techno bis Avantgarde, die gerne hinter ihren Gerätschaften verschwinden.Allein schon die Mannigfaltigkeit ihrer Einflüsse läßt der Band auch gar keine andere Wahl.Barry Smith: "Da möchtest du Leute auf Avantgardisten wie Stockhausen aufmerksam machen.Doch im selben Moment hast du auch Künstler wie Bo Diddley, Elvis oder die Cramps und du spürst diese spezielle Aufregung in ihrer Musik.Dieses Gefühl, daß man etwas besonderem beiwohnt, wenn man sie sieht, war für uns der Anlaß, in diese Richtung zu gehen.Nicht die Maschinen, sondern die Menschen machen die Musik."

Dabei verweisen gerade Add N to (X) immer wieder auf das unkalkulierbare Eigenleben der alten, analogen Maschinen, die nicht wie ihre digitalen Nachfolger bereitwillig jedem Kommando gehorchen.Ann Shenton: "Die Synthesizer haben ihre eigene Sprache, sie wiederholen sich oder geben zufällige Geräusche ab.Das kann manchmal schrecklich komisch sein, dann wieder lyrisch, beängstigend, melancholisch.Deswegen werden sie nicht langweilig.Ihr eigener Sound kann sich je nach der Luftfeuchtigkeit des Raumes völlig verändern, sie sind so unberechenbar wie Menschen." Doch die Musik des Trios ist weit mehr als bloß Krach.Barry Smith: "Wir bewundern, wie Jerry Goldsmith und Ennio Morricone Anfang der 60er mit dem Sound eines Orchesters gespielt haben.Das hat nichts mit Nostalgie zu tun.Deine Plattensammlung existiert im hier und jetzt, sie ist jetzt relevant"

"Es ist eine Art Schallarchäologie", unterbricht ihn Ann Shenton und bezeichnet damit recht gut, was auf Add N to (X)s neuer, dritter CD passiert: Aus Erinnerungsfetzen, Detailwissen und der Willkür ihrer Apparate zaubern sie heftige, aber zugleich hochdifferenzierte Stücke.Add N to (X) sind Meister des Plakativen, doch sie besitzen genug Subtilität, jeden ihrer Effekte mit einem Echo zu unterlegen.Ja, sie sind hart, aber ihre Melodien sausen ständig durch den Kopf des Hörers.Sie wirken unnahbar und halten dennoch ihre Instrumente ins Publikum, damit es seinen Teil zur Musik beiträgt.In dieser Unfaßbarkeit liegt die Faszination der drei Sound-Visionäre.

Add N to (X) treten am Donnerstag zusammen mit Hoovercraft im Knaack Club auf, 21 Uhr

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