Kultur : Musik lügt nicht

Falscher Baron: „Münchhausen“ an der Neuköllner Oper

Uwe Friedrich

Auf den ersten Blick ist der Lügenbaron Münchhausen eine ideale Opernfigur. Er reitet immerhin auf halben Pferden, fliegt schon mal auf den Mond und zieht sich sogar selbst aus dem Sumpf. Wo sonst können Komponisten so in die Vollen gehen, so dick auftragen wie hier?

Wenn da nur ein großes Problem nicht wäre. Musik kann nicht lügen, sie sagt immer die Wahrheit, ohne Ausnahme. Dieses Problem will der rumänische Komponist Dan Dediu mit einer geschickten Kombination aus Mozart, Strawinsky, Bach und Korngold lösen, um nur die Berühmtesten zu nennen. Rimsky-Korsakow zitiert er übrigens nicht, dabei hätte Dediu gerade hier Inspiration finden können, wie man auch die unsinnigste Geschichte überzeugend verblenden kann. In den glücklicheren Momenten entstehen so zwar Verwirrungen und Widersprüche, musikalische Lügen sind das aber nicht.

Dedius moderner Münchhausen also zieht mittellos über die Jahrmärkte, wird von Gläubigern verfolgt, von willigen Frauen bedrängt und von einer treuen Dienerin beschützt. Auf einer der Jahrmarktsbuden gibt sich ein Charaktertenor von der unangenehmsten Sorte als Münchhausen aus. Der echte Baron (Michael Hoffmann, Bariton) weist ihn zurecht, korrigiert die falschen Lügengeschichten des falschen Münchhausen mit seinen garantiert echten Lügengeschichten. Das könnte ein spannendes Vexierbild von Wahrheit und Lüge ergeben, von Schein und Theaterwirklichkeit. Aber der Librettist Holger Siemann hat die aufregenden Geschichten lediglich in handlungsarme Dialoge aufgelöst, denen auch der Komponist nicht wirklich aufhelfen kann.

Boris von Posers Nicht-Inszenierung bringt ebenfalls keine Rettung. Wo eine dynamische Personenregie Schwung bringen müsste, stehen sich stattdessen die Protagonisten auf gleich zwei Bühnen (Bühnenbild: Marion Hauer) gegenüber. Da singen sie dann mit Verve aneinander vorbei. Das machen sie immerhin recht beschwingt und inspiriert unter der Leitung von Hans-Peter Kirchberg. Die sechs Orchestermusiker werfen sich im Bühnenhintergrund ebenso begeistert in die Tangoanklänge hinein wie in die „große Oper“. Johanna Krumin schmeichelt als Dienerin in Männerkleidern mit angenehmer Stimme und geschmeidigem Spiel Auge und Ohr, davon hätte man gerne mehr gehabt.

Dennoch: Trotz der starken Einschränkungen ist der Wagemut der Neuköllner zu loben. Schließlich gibt der Opernpreis jungen Komponisten die Gelegenheit auszuprobieren, was auf der Bühne funktioniert – oder eben nicht.

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