Musik mit der Gambe : Kurzes und intensives Konzert bei den Musikfestspielen

Vittori Ghielmi und Luca Pianca zeigen trotz untypischen Klangs solistische Steilwände während ihres Konzerts in Charlottenburg.

Dirk Becker

So viel war schon nach dem eröffnenden „Prelude“ von Marin Marais klar. Das Instrument vom legendären Michel Colichon, Baujahr 1688, wie es im Programmheft stand, spielte Vittori Ghielmi an diesem Freitagabend nicht. Der Klang einer Gambe von Colichon hat etwas Besonderes, so dass die Handwerkskunst des französischen Meisters bis heute Maßstab im Instrumentbau ist. Und wie nicht anders zu erwarten war der Ton, den der Italiener Ghielmi auf seinem Siebensaiter im ausverkauften Weißen Saal des Schlosses Charlottenburg produzierte, auch etwas Besonderes. Aber der typische Colichon-Ton war es nicht. Das, was Ghielmi präsentierte, war zu machtvoll, zu herrisch und zu dominant.

„Persischer Marsch“, so der Titel des Konzerts von Vittori Ghielmi und dem Schweizer Lautenisten Luca Pianca. Gerade einmal je 30 Minuten dauerten die beiden Konzertblöcke von Ghielmi und Pianca an diesem Abend. Damit wird dieses Konzert wohl als kürzestes in die Geschichte der diesjährigen Musikfestspiele eingehen. Es war aber auch eines der intensivsten. Unter französischer Musikherrschaft stand dieser Abend auf der Gambe. Und hier wurden mit Marin Marais und Antoine Forqueray zwei Komponisten des frühen 18. Jahrhunderts präsentiert, deren Gegensätzlichkeit schon zu Lebzeiten zur Mythenbildung genutzt wurde. Marais galt seinenZeitgenossen ob seiner Spielweise und Kompositionen als „Engel“, Forqueray als „Teufel“. Beiden gemeinsam war die Virtuosität ihrer Charakterstücke, die bei Forqueray um ein paar Drehungen mehr hin zum Atemlosen getrieben wurde. Und Vittori Ghielmi kann mit Recht als einer der überzeugendsten und ausdrucksstärksten Interpreten dieser Charakterstücke bezeichnet werden.

Schon den Auftakt mit besagtem „Prelude“ und unter anderen „Marche Persane“ und „Musette“ von Marais, später dann Forquerays „La Portugaise“ oder „La Léclair“ gestaltete Ghielmi mit ausgesprochenem Hang zum sogenannten französischen Affekt. Die Stücke, solistische Steilwände der schwersten Kategorie, nahm Ghielmi mit Lust und Last, extremem Ausdruck und rasantem Bogenstrich. Da war grellstes Hell und tiefstes Dunkel in Ghielmis Interpretationen, wie es nur selten zu erleben ist. Und sein Instrument, vom Schweizer Instrumentenbauer Luc Breton, wie sich später herausstellte, schien genau diesen, gelegentlich sogar rabiaten Zugriff zu brauchen. Eine nur schwer zu zähmende Stolze, die vor Volumen fast bersten wollte. Luca Pianca auf seiner Archiliuto gab den kongenialen Begleiter mit zurückhaltender, dafür aber pointierter Verzierungskunst und herrlichen improvisatorischen Ideen. Seine Soloauftritte mit Werken von Robert de Viseé und Jean Gallot zeigten einen Musiker, der mit feiner und erlesener Klangkultur zwar flüchtige, aber umso herrlichere Kunstwerke schafft.

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