Kultur : Musik mit Flammen: "Mastodon" tritt mit ungewöhnlichen Instrumenten auf

Sabine Demm

Böse Zungen könnten behaupten, es handele sich nicht um Musik, sondern um Lärm. Liebhaber dieser Art von Klangexperimenten schätzen die nie zuvor gehörte Mischung aus Rhythmus und verschiedenen Tönen und Geräuschen. Die Lautstärke, bei der Industriearbeiter Ohrenschutz tragen müssten, ist keine Spezialität der Berliner Band "Mastodon". Sie zeichnet sich durch ihre Instrumente aus: Alle bis auf das Schlagzeug sind selbst gebaut. Das Beeindruckendste ist der so genannte "Heater".

Sechs Rohre ragen vier Meter wie eine Kanone in die Luft. Dadurch schickt der 37-jährige Künstler Bastiaan Maris keine Munition, sondern Feuer. In jedes Rohr mündet aus drei Propangasflaschen ein selbstgebauter Brenner, der Flammen ins Rohr speit. Dies erzeugt dumpfe, röhrende Geräusche, die entfernt an ein Didgaridoo - ein australisches Blasinstrument - erinnern. "Aber ein Didgaridoo aus der Hölle", lacht Maris, der einen knallorangenen Monteursanzug trägt, bei dem Vergleich. Ab und zu knallt es auch in den Rohren. Der Niederländer Maris, der seit 10 Jahren in Berlin lebt, hat die Idee für den Heater gehabt. Vor etwa vier Jahren baute er das "Instrument" zusammen mit dem Bandkollegen, dem Amerikaner Jeff Funt. Wie man darauf kommt? Maris lacht: "Ich interessiere mich für den Prozess der Energieumsetzung und will ihn, in diesem Fall mit Geräuschen, fassbar machen."

Neben den Gasflaschen steht immer ein Feuerlöscher. "Mir ist aufgefallen, dass er abgelaufen ist. Ich habe ihn noch nie gebraucht", erklärt Maris. Garantiert ungefährlich ist das Instrument, das der 69-jährige Amerikaner Bob Rutman schon vor über 30 Jahren kreiert hat: Seine fünf Saiten ragen mannshoch aus einer Holzleiste, die waagerecht auf einem Ständer montiert ist. Als Resonanzkörper dient eine dünne Blechplatte, vor dem Ständer zum Halbkreis gebogen. Bob nennt es "Bow Chime". Bob und Jeff spielen bei Mastodon Bow Chimes, indem sie mit selbstgebauten Bögen aus Nylon über die Saiten streichen. Sie entlocken dem Instrument verschiedene Töne, die entfernt an eine Geige erinnern. Schlagzeuger Nico Lippolis, 25 Jahre, hat keine Komplexe, weil er in dieser Band nur ein ordinäres Schlagzeug spielt: "Meine Rhythmen sind ja dafür nicht normal." Auf die Frage, ob das Bow Chime schwer zu spielen ist, antwortet der 43-jährige Jeff Funt: "Es ist so, als wenn man fragt, ob es schwer ist, Liebe zu machen." Die Technik sei bei einem Bow Chime nicht das Entscheidende: "Man muss ein Gefühl für das Instrument entwickeln, es erfahren und Zeit darin investieren."

Nach Gefühl funktioniert auch das Zusammenspiel der Band. "Wir sprechen uns nicht ab, improvisieren alles. Es gibt kein Lied zwei Mal", erklärt Jeff Funt. Das funktioniere, weil die vier Band-Mitglieder mehr als nur Freundschaft verbinde: "Wenn wir zusammenkommen, ist Magie im Spiel". Die brauchen die Musiker auch. Denn bislang konnten sie erst vier Mal zusammen üben. Es ist aufwendig, die großen Instrumente, die über ganz Berlin verteilt lagern, an einem Ort zusammenzubringen. Außerdem laufen sie immer Gefahr, dass die Polizei die Proben wegen der enormen Lautstärke auflöst, obwohl die Musiker in einer Halle im Industriegebiet von Pankow üben. Für die Band dennoch kein Problem, meint Funt: "Es gibt kaum Musiker, die nach so wenig Proben so gut miteinander spielen können wie wir."

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