Musik : Raga und Tala

Die Kreuzberger Global Music Academy will ein Bildungszentrum für die Musikkulturen aus aller Welt werden. Bald soll man hier auch Bachelor und Master machen können. Ein Kursbesuch.

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Flötentöne. Dozent Manickam Yogeswaran und Kursteilnehmer Amewu spielen die indische Venu.
Flötentöne. Dozent Manickam Yogeswaran und Kursteilnehmer Amewu spielen die indische Venu.Foto: Davids/Dominique Ecken

Manickam Yogeswarans Finger tippeln leicht auf einem Bambusrohr auf und ab. Ein seichter Ton hallt durch den Raum. Das Bambusrohr, das der Musiklehrer sich an den Mund hält, nennt sich Venu Ghanam, es ist das indische Pendant zur Querflöte. Yoga, wie der Lehrer genannt wird, sitzt im Schneidersitz auf einem ockerfarbenen Teppich, ihm gegenüber sein Schüler Amewu. „Komm, wir spielen das Stück vom letzten Mal“, sagt Yoga, ein Notenblatt vor sich. „Ich hab die Melodie vergessen“, sagt der Schüler. Yoga spielt einige Takte noch mal an, gleitet durch die Tonhöhen.

Klänge wie diese aus der klassischen indischen Musik stoßen hierzulande noch allzu oft auf taube Ohren. Die Global Music Academy (GMA) in Kreuzberg will das ändern. Seit Oktober 2011 hat die Schule und Hochschule für Weltmusik in der ehemaligen Roseggerschule in der Bergmannstraße seine Pforten geöffnet. Derzeit bietet sie mit der „Global Music Box“ Workshops für alle an, auch Schulklassen werden schon unterrichtet.

Ab dem Sommersemester 2013 soll nun mit dem Bachelor/Master für Weltmusik auch die akademische Lehre starten, 270 Studienplätze stehen zur Verfügung, die Hälfte davon ist für Nichteuropäer reserviert. Die Lehrpläne umfassen potenziell alle musikalischen Kulturen der Welt. „Klar gibt es einige Schwerpunkte, etwa in der türkischen, koreanischen oder indischen Musik“, sagt der künstlerische Leiter William Ramsay, „aber wir schließen nichts aus.“ Ramsay hat zwischen 1995 und 2005 bereits den Studiengang Weltmusik an der Musikhochschule Hanns Eisler betreut.

Die Akademie trifft den Nerv der Zeit. Berlin steht für eine starke Klub- und Elektroszene, auch die jüngere Songwritergeneration oder die Indierockszene ist gut repräsentiert. Sogenannte Weltmusik aber hatte es immer schwer. Die GMA ist ein lohnenswerter Versuch, die Kulturen besser zu vereinen – und Klischees von Weltmusik als muffig oder esoterisch endlich zu widerlegen.

Yoga ist beeindruckt von seinem Schüler. Für Amewu ist es erst der zweite Workshop-Tag, und doch geht kaum ein Ton daneben, nur ab und zu fiept es. „Ich habe schon mal Querflöte gespielt“, sagt Amewu. Yoga zeigt ihm ein neues Stück. Das Notenblatt liegt zwischen den beiden. „Siehst du, hier geht es hoch.“ Yoga summt mit und zeigt Amewu die Ragas, die Tonskalen der indischen Musik, und den Tala, den Rhythmus. Jetzt singt Yoga die tiefen Töne des Stückes vor. Im Hintergrund summt die Electronic Tamboura. Sie simuliert die Schwingungen dieses klassischen indischen Instrumentes und gibt den Flötisten die Tonlage vor. In seinem Heimatland Sri Lanka ist Yoga eine kleine Berühmtheit. „Ich bin die erste tamilische Stimme, die es nach Hollywood geschafft hat“, sagt der 52-Jährige. Er hat bei einem Stück des Soundtracks von „Eyes wide shut“ gesungen. Yoga hat 25 Jahre in London gelebt, im vergangenen Jahr zog er nach Kreuzberg. „Berlin is better“, sagt er, der gerade Deutsch lernt, „hier geht es entspannter zu als in London.“ In Deutschland hat der Tamile auch mit der Band Dissidenten zusammengearbeitet, die seit den frühen Achtzigern versucht, Weltmusikelemente in einen Rock- und Popkontext zu überführen. Und damit im deutschsprachigen Raum Vorreiter waren.

Erst in den letzten Jahren, mit dem Erfolg von Bands wie den 17 Hippies, mit einem verstärkten Interesse an Balkanmusik im Pop, schien das Interesse an Weltmusik größer zu werden. In London oder New York waren Stile wie der Shangaan Electro oder der angolanische Kuduro, die House oder Pop mit traditioneller Musik verbinden, bereits bekannt. Der Erfolg von Acts wie der britischen Künstlerin M.I.A. oder Damon Albarns Hinwendung zu afrikanischer Musik zeigen, dass die Popkultur sich in diese Richtung geöffnet hat. Aus Weltmusik wird Global Pop – genau in diese Kerbe könnte man in Kreuzberg schlagen.

Auch Flötenschüler Amewu steht für das Verschmelzen unterschiedlicher Musikstile. „Ich bin eigentlich MC“, sagt der 29-Jährige. In der Szene ist er kein Unbekannter, zuletzt war er im Rahmen des „Translating HipHop“-Projekts im Haus der Kulturen der Welt zu sehen. Die Venu hat er bereits für Aufnahmen gesampelt. Der Workshop liefert Amewu auch Inspiration für seine nächsten Aufnahmen.

Inspirieren will auch die GMA – indem sie der Stadt ihr musikpädagogisches Potenzial aufzeigt. Mit ihren Workshops will die GMA als gläsernes Haus fungieren: Schulklassen, Gruppen aus dem Kiez, Amateur- wie Profimusiker will sie gleichermaßen dazu ermutigen, sich an Instrumenten aus aller Welt zu versuchen.

In der Akademie spricht man nicht mehr von Weltmusik, diese Genrezuschreibung scheint einer globalisierten Welt, auch einer globalisierten Stadt wie Berlin nicht mehr gerecht zu werden. „Bei uns heißt es nur Global Music“, sagt GMA-Sprecherin Danica Bensmail. Zu schnell lande man sonst bei Stereotypen. Beschreibe man etwa die Musik der indischen Klassik als Meditationsmusik oder spirituelle Musik, stehe dahinter ein eher unbeholfener eurozentrischer Blick.

Das Instrument, dem sich Yoga und Amewu widmen, stammt aus der indischen Klassik – man geht davon aus, dass die Venu bereits seit mehr als 1000 Jahren gespielt wird. Yoga und Amewu üben derweil gemeinsam ein Stück ein. Amewu spielt nur Grundtöne, Yoga baut ein paar Halbnoten mehr und die schweren hohen Töne ein. Ein harmonischer Einklang entsteht. Während Amewus Blick auf das Notenblatt vor ihm geht, tänzeln Yogas Finger weiter mit Leichtigkeit auf dem Bambusrohr auf und ab.

www.global-music-academy.net

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