Musik : Spiel mit dem Kitsch

Er ist Rapper, Soulsänger, Pianist und DJ und war Berlins Untergrund-Präsident. Mit seinem neuen Album "Soft Power" frönt Gonzales in Paris dem Pop der Siebziger.

Yoko Rückerl
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Great Gonzo. Die manische Unterhaltungsmaschine. -Foto: Promo

Wie in einem Woody Allen Film kam sich Gonzales an jenem Morgen in Paris vor. Der Musiker saß in seinem Stammcafé, bestellte wie immer einen Käsetoast. Diesmal allerdings konnte der Kellner ihm keinen servieren. Nein, der Toaster sei nicht kaputt, aber Brot gäbe es nicht mehr. Gonzales bot an, über die Straße zum Bäcker zu laufen und welches zu kaufen. Darauf aber wollte sich die Bedienung nicht einlassen. So habe er seinem Kellner ein paar unschöne Dinge sagen müssen, erzählt Gonzales, der mit bürgerlichem Namen Jason Beck heißt. Hinterher musste er sich entschuldigen, schließlich galt es ein Hausverbot in seinem Lieblingscafé zu umgehen. In dem Lied „Apology“ singt Gonzales nun davon, dass es eine Entschuldigung ohne Strategie gar nicht geben kann. Ein typischer Gonzales Song, voller ironisiertem Pathos. Zum flüsternden Klavier und sanft klingelndem Glockengeläut singt er: „I’m a train-wreck plus I only think of my needs. So leave me alone I’ve got a monster to feed.“

Er ist eine Art Johanthan Meese der Independentmusik

Gonzales ist eine manische Unterhaltungsmaschine. Mit „Soft Power“ hat er ein neues Album ausgespuckt, das wieder sein eigenes Genre ist. Der Kanadier ist Rapper, Soulsänger, Pianist und DJ, eine Art Jonathan Meese der Independentmusik. Vom Krawallmacher hin zum Romantiker braucht es bei Gonzales nur wenige Takte. Das ist so, seit Gonzales Mitte der neunziger Jahre in Berlin sein erstes Album aufnahm, es „Gonzales über alles“ nannte und sich zum „President of the Berlin Underground“ erklärte. Bei Auftritten trug er neonfarbene Jogginghosen oder einen Anzug in Pink, riesigen Modeschmuck, Gelfrisur und Pantoffeln. Nach „The Entertainist“ betitelten ihn Fans als „Retter des Rap“, auf „Presidential Suite“ machte Gonzales französisches Cabaret. Doch sein bislang erfolgreichstes Werk ist das Klavierprojekt „Solo-Piano“, das an Gonzales’ Jazz- Wurzeln rührte. Da war der Mann, der in Montreal Jazzpiano studiert hatte, bereits nach Paris übergesiedelt, wo er unter anderem Jane Birkins Duett-Album „Rendez- vous“ produzierte.

Auf „Soft Power“ lässt er es nun funkeln, glitzern und glänzen. Das Album ist ein Zungenkuss mit dem Rock- und Disco-Pop der Siebziger, eine Hommage an die Bee Gees, Billy Joel und Marvin Gaye. Diese Künstler hörte Gonzales, der sein Alter nicht verrät, als kleiner Junge im kanadischen Montreal. Seitdem scheint dieses Album in ihm zu schlummern. „Vielleicht hätte ich es ,The Time Before Taste‘ nennen sollen“, sagt er. Denn es sei genau die Musik, die er gehört habe, bevor ihm überhaupt klar war, was Musik, was eigener Geschmack bedeute.

Der Sound klebt wie Zuckerwatte

„Soft Power“ schickt einen in eine Retroklangwelt, die nur anfangs bunt scheint. Mit „Working Together“ klatscht und pfeift uns Gonzales eine „Oh-Oh-Oh- Oh“-Party. In „Slow Down“ zeichnen Glockenspiele schillernde Regenbögen, Saxophone verteilen Schaumküsse. Der Sound klebt wie Zuckerwatte. Doch in der Gonzales-Welt lauert überall die Selbstparodie: „Yes I love you / But I hate you“, singt er, „So I walk out / Then I come back“. Jeder Song ist ein Spiel mit dem Kitsch.

Von seinen kanadischen Kollegen unterscheidet er sich durch diese Doppeldeutigkeit. Die heimische Musikszene mit Kollektiven wie Arcade Fire oder Broken Social Scene geht ihm auf die Nerven. Das Gruppengeklüngel sei schlimmer als Kommunismus, sagt er und grinst. „Da hocken Musiker mit Klamotten auf der Bühne, in denen sie ihre Kinder zur Schule bringen“, sagt er. „Das ist Fake.“ Schließlich verpflichte Künstlertum zu Exaltiertheit.

Weil er ein erzkonservativer, musikalischer Kapitalist sei, hielt es ihn 2003 auch in Berlin nicht mehr, wo man kreativ, aber nicht produktiv sei. Ein bisschen erinnert das an den Song „Singing Something“. Gonzales wundert sich da über sein Publikum, das ihm bis zum letzten Lied seines Albums gefolgt ist. Hatte er nicht einfach was gesungen, so für sich? „Cause I like the echo in this room...“

Gonzales stellt „Soft Power“ (Universal) heute in der Volksbühne vor, 20 Uhr.

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