Kultur : Musik und Müll

Eine Ausstellung in Karlsruhe porträtiert Istanbul als Stadt der Zukunft

Carmela Thiele

Über hundert Kilometer erstreckt sich das Stadtgebiet Istanbuls und wuchert an den Rändern täglich weiter. Das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe zeigt in seinem multimedialen Stadtporträt „Call me Istanbul ist mein Name“ den ungeheuren Überlebenswillen der Menschen dieser Stadt zwischen Orient und Okzident. Dreißig Künstler, Designer und Architekten schufen ein Kaleidoskop, das die „urbanen Visionen einer Metapolis“ einfangen sollte.

Der Beitrag des ZKM zu den Karlsruher „Europäischen Kulturtagen“ birgt einigen Sprengsatz. Dieser wird kaum überdeckt von den computeranimierten, auf Plattentellern sich drehenden Derwischen oder dem Katalog-Beitrag von Kurator Roger Conover, der die Armut verklärt. ZKM-Chef Peter Weibel will die Ausstellung als politisches Statement verstanden wissen: „Wir zeigen Istanbul im Kontext der Debatte um die EU-Integration der Türkei.“ Wichtigster Grund: Die Stadt hat rund 17 Millionen Einwohner und wäre die größte Europas – wenn die Türkei Teil der EU wird. Istanbul habe Probleme zu bewältigen, so Weibel, die auch auf andere europäische Städte zukommen können.

Trotzdem kommt Ausstellungsmacher Conover zu einer positiven Bilanz. Ob er die niederschmetternden Bilder, die viele Video-Installationen beherrschen, verdrängt hat? Can Altay beobachtete die Istanbuler Müllsammler, manchmal noch Kinder, die Papier und Plastik sammeln, sortieren und illegal verkaufen. Erik Göngrich erforschte die Wohnsilos an den Rändern der Stadt. In „Picnic-Stadt“ stellt er die Ergebnisse seiner Recherchen neben Zeichnungen, die nur die Umrisse des Häusermeeres zeigen. Neunzig Prozent der Bauvorhaben sind illegal: nicht nur die über Nacht gebauten „Gecekondus“, sondern häufig auch die Apartment-Häuser für die Mittelklasse.

Es ist ein großes Leben und Überleben, etwa bei den schnüffelnden Straßenkindern und illegalen afrikanischen Einwanderern, die Esra Ersen gefilmt hat, oder der transsexuellen Tänzerin, die Hüseyin Karagöz porträtiert. Dabei geht es nicht nur um Randgruppen: Paolo Colombo, Kurator der 6. Biennale Istanbul 1999, erzählt in seinem Video die Geschichte von „Mehmet und Mehmet“, zwei Männern, die sich in Istanbul durchschlagen und gemeinsam musizieren. Viele Arbeiten haben dokumentarischen Charakter, auch das Video „The Moustache“ von Belmin Söylemez, das ohne feministischen Zeigefinger die Bedeutung des türkischen Schnurrbarts erzählt.

Daneben sind eine Reihe bekannter Positionen zu sehen wie Beiträge von Gülsün Karamustafa und Fülsun Onur, die schon 1998 in der Ausstellung „Eskorpit“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen waren. Mit ihrer Fotoinstallation „Le visage turc“ zeigt Karamustafa Fotografien dreier Kinder, die ganz und gar nicht türkisch aussehen. Die Bilder stammen aus Hochglanzmagazinen der Dreißigerjahre, als Atatürk den Anschluss an den Westen propagierte. Damals wie heute stellt sich die Frage nach der Identität.

Zentrum für Kunst- und Medientechnologie, Karlsruhe, bis 8. August.

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