Kultur : Musik und Tanz in Berlin: Berstende Präsenz

Eckart Schwinger

Mit einer Ausgrabung begann der Abend des Ensemble Oriol. Von dem Schweizer Othmar Schoeck, von dem man nurnoch weiß, dass er Lieder und Opern komponiert hat (allen voran die "Penthesilea" 1927), wurde ein Konzert für Violoncello und Streichorchester aus dem Jahr 1947 zu Tage gefördert. Der "letzte Romantiker", schon früh auf einen "innig-herben" Tonfall festgelegt, läßt hier einen sehr gefühlig ausufernden Ton vernehmen. Das spieltechnisch anspruchsvolle, etwas untiefe Werk wirkt immer nur dann etwas eigenwillig, wenn es mit trotziger Brahms-Gebärde losprasselt. Wenn dieses sonderbare Cello-Konzert heute wie aus weiter Ferne herüber zu kommen scheint, dann ist das wohl auch darauf zurück zu führen, dass Schoeck zwei Jahre nach dem Krieg noch immer eine pure romantische Musik schreibt. Obwohl das Cellokonzert von Tanja Tetzlaff mit glühendem Ton Elan gespielt wurde - häufig dürfte man ihm auch in Zukunft nicht begegnen. Eine Wohltat danach der geistsprühendeStrawinsky - sein Concerto in Re für Streichorchester (1946). Das wieder glänzende Ensemble Oriol ließ keinen Zweifel daran, dass dieser Stiljongleur Strawinsky, bei allen kapriziösen Zügen und einschmeichelnden Kantilenen, noch immer von seiner rhythmischen Explosivkraft gehörig Gebrauch macht.

Das war eine lustvoll auf die Spitze getriebene Leistung. Lohnend war nicht zuletzt die Begegnung mit dem immer mehr in Vergessenheit geratenden Arthur Honegger, dessen 2. Sinfonie für Streicher und Trompete (1941) zu den eindrucksvollsten musikalischen Zeugnissen aus der Zeit des Weltkriegs zählt. Der düstere Gestus des Werkes, seine Aggressivität, sein hoffnunsgvoller Choralschluß kamen in schmerzlicher Expressivität heraus: eine berstende szenische Präsenz.

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