Kultur : Musik und Theater in Berlin: Selten so gelacht

Uwe Friedrich

Die preußisch-deutsche Eiche ist ein gefährlicher Ort. Wenn Don Fernando und seine geliebte Anagilda ihr Liebesnest in den Zweigen erklimmen, wackelt sie bedenklich. Die Körper der 12 Gehängten daran schaukeln sachte. Der Dreißigjährige Krieg bildet die Hintergrundfolie fürAriostis Oper "Die Treue im Verrat", ein barockes Huldigungswerk aus dem Jahr 1701. Königin Sophie Charlotte hatte den italienischen Komponisten einst an ihren Musenhof geholt und bei ihm ein Geburtstagsgeschenk für ihren Gatten Friedrich bestellt. Darin geht es um Machterhalt durch diplomatische Heirat, opernüblichen Verrat und das unvermeidliche glückliche Ende inklusive Krönung. Ariosti spult in seiner Partitur routiniert alle barocken Affekte ab, instrumentiert abwechslungsreich und harmonisch gekonnt. Wegen der beschränkten Mittel am preußischen Hof verwendet er nur vier Solisten und ein kleines Orchester, das allerdings mit den königlichen Pauken und Trompeten, mit Oboen und Blockflöten.

Wirkliche Begeisterung über das königliche Geburtstagsgeschenk aber will sich bei der Wiederaufführung im Haus der Berliner Festspiele nicht einstellen. Allzu brav bleibt die sämige Tempowahl des Dirigenten und Leiters der Unternehmung, Gerhard Oppelt. Die Musiker von Berlin Baroque können den Klang auf ihren historischen Instrumenten nicht wirklich blühen lassen. Zu unentschieden bleibt auch die Inszenierung von Axel Kresin. Immerhin versteht er bei allem unbeholfenen Hantieren mit Dolchen die konventionellen Gesten als Kommunikation zwischen den Figuren.

Zu durchschnittlich bleibt schließlich der Gesang. Einzig Ursula Fiedler als Elvira zeigt sicheres Gespür für die stilistischen Feinheiten. Nicht nur Bartolo Musil (Garzia) und Mona Spägele (Anagilda) haben allerdings mit der extrem sängerunfreundlichen Akustik zu kämpfen. Überhaupt ist dieser Theaterraum der denkbar ungünstigste Rahmen für das intime Spiel. Entsprechend nutzen einige erschöpfte Besucher die Pause nach zwei Akten und zwei Stunden zur Flucht. Das ist ein Fehler, denn der dritte Akt bietet mit der großen Arie des Countertenors Meinderd Zwart den musikalischen Höhepunkt des Abends. Eine elegische Klage des Gefangenen, die sich durchaus mit Händels "Scherza infida" messen kann, empfindsam ausgebreitet vom gefesselten Sänger, der ansonsten durch hemmungsloses Chargieren für unfreiwillige Komik sorgt. Wenn er gar mit riesigem Plastikpferd in die Schlacht zieht, ist es auch um beherrschte Gemüter getan. Selten so gelacht in einer ernsten Oper.

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