Kultur : Musik und Verantwortung

Daniel Barenboim bei „Literatur im Foyer“

Daniel Wixforth

Ein negatives Beispiel für die Popularisierung von klassischer Musik? Da muss Daniel Barenboim beim Gespräch über sein neues Buches „Klang ist Leben“ bei „Literatur im Foyer“ im Jüdischen Museum (TV-Ausstrahlung am 31.8., 10.15 Uhr, 3sat) nicht lange überlegen. In einem Hotelzimmer in den USA habe er den Fernsehwerbespot eines Toilettenherstellers, unterlegt mit Mozarts „Requiem“, gesehen. Das sei abscheulich gewesen.

Um solch eine triviale Art der Verbindung von Klang und Leben geht es im Buch des Dirigenten und Pianisten natürlich nicht. So rudert Moderatorin Thea Dorn schnell in ernstere Gefilde zurück und thematisiert die Analogien zwischen Musik und Gesellschaft, denen sich „Klang ist Leben“ ausführlich widmet. Und Barenboim zeigt sich gewohnt diskutierfreudig: Bei einer Symphonie müssten alle Stimmen verantwortungsvoll interagieren und einander Beachtung schenken. Sonst sei der gewünschte Gesamtklang unerreichbar. Für den Umgang miteinander könnten die Menschen und die Politik daher vieles von der Musik lernen. Wem, wenn nicht Daniel Barenboim, soll man diesen Gedanken abnehmen? Und dennoch: Die Ausführungen bleiben – wie im Buch – sehr abstrakt. Man wünscht sich hier ein energischeres Nachbohren der Moderatorin, die das Bild des musikalischen Dialogs stattdessen nutzt, um auf das Herzensprojekt des Maestros, das West-Eastern Divan Orchestra zu kommen. Barenboim, der erst kurz zuvor von einem Paris-Konzert des Orchesters zurückgekehrt ist, entflammt in einem leidenschaftlichen Plädoyer für die jungen Musiker aus Israel und den arabischen Ländern, die in den Orchester-Workshops die engstirnigen Weltbilder ihrer Heimatländer hinter sich ließen um in der Musik ungeahnte Gemeinsamkeiten zu entdecken. Hier wird die Schnittstelle von Klang und Leben für den Zuhörer viel deutlicher greifbar. Kräftiger Applaus.

Das Ende der Geschichte um die Toilettenfirma gibt Barenboim dann auch noch preis: Nach Beschwerden über die Werbung habe sich die Firma entschuldigt und die Musik geändert. In dem Spot läuft nun die Ouvertüre zu Richard Wagners „Tannhäuser“. Daniel Wixforth

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