Musik von Kurt Weill und Christian Jost : Mythos Stadt

Ein Einakter von Kurt Weill und die Uraufführung von Christian Josts "Berlin Symphonie": ein Abend mit großstädtischer Musik im Konzerthaus.

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Der Komponist Kurt Weill, 1900 - 1950.
Der Komponist Kurt Weill, 1900 - 1950.Foto: Imago

Die Geschichte mag fadenscheinig sein, Hauptsache, das Herz sitzt am richtigen Fleck. Das tut es in Kurt Weills Einakter „Der Silbersee“, den das Konzerthausorchester mit dem Vocalconsort Berlin beim Festival Mythos Berlin präsentierte. Polizist Olim (Max Hopp), der den Ananasdieb Severin auf der Flucht angeschossen und überführt hat, ringt mit seinem Gewissen und beschließt, fortan ein Leben in Brüderlichkeit zu führen. Nicht einmal der Lotterieagent (Michael Pflumm), der den Hauptgewinn vorbeibringt, kann ihn mit seinem orgiastischen Refrain „Zins! Und Zinseszins!“ davon abbringen.

Marschmusik, Tanzrhythmen: Kurt Weill bringt das Berlin der Zwangzierjahre zum Klingen

Idealismus, das weiß auch Weill, heilt keine Wunden, doch lässt er zum Schluss immerhin den Silbersee gefrieren, der den beiden den Freitod geben sollte. Ein zauberhafter Moment, dem der Chor und Katharina Ruckgaber als liebenswerte Antidiva Fennimore den Schimmer der Sanftmütigkeit verleihen. Mit unschuldigem Humor, Charme und einer großzügigen Dosis Ironie zeichnet Weill die Welt der kleinen Leute. Die Stimmung ist von einer Mischung aus Marsch- und Tanzrhythmen geprägt, die auf das Spannungsfeld im Berlin der Zwanzigerjahre anspielen. Weill hinterfragt es immer wieder, durch unverblümte harmonische Schieflagen. Messerscharf treffen Sänger und Musiker den Ton – immer pointiert, aber ohne Witzeleien. Dirigent Iván Fischer entpuppt sich zudem als begnadeter Märchenonkel. Seine lakonischen Zwischenansagen verbinden die Nummern effizient zu einer Geschichte, die keinen Anspruch auf Logik erhebt, dafür aber auf Menschlichkeit.

Dagegen tritt die heute nicht weniger mythisch behaftete Stadt in Christan Josts uraufgeführter „Berlin Symphonie“ mit eher matter Gesichtsfarbe und wenig Biss auf. Einzig ein melancholisches Altsaxofon vermag die repetitive Motivik und kitschige Harmonik mit etwas Substanz anzureichern, wenn es periodisch aus dem tiefregistrigen Dauerbrumm auftaucht. Der ewig changierende Klangnebel, der alle Bewegungen verschleiert und bremst, erinnert vor allem an einen Kater. Gewiss. Auch das kann Berlin.

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