Musik : Wanderer, kommst du nach San Francisco ...

Wenn die Steine rollen: Musik-Dokus drängen mächtig ins Kino. Doch Pop und Film sind schon lange ein seltsames Paar.

Ralf Niemczyk

BerlinEigentlich können Martin Scorsese die Sorgen und Strategien der Musikindustrie reichlich egal sein. Er kommt aus einer anderen Welt. Pop ist ein Nebenschauplatz für den Meisterregisseur. Eine Passion, der er sich immer mal wieder hingegeben hat, seit er in Woodstock für den legendären Festival-Film als Regie-Assistent knietief im Schlamm stand. Ein Jahr später verantwortete er den Schnitt von „Elvis on Tour“. Ein Mann der Old School, Jahrgang 1942. Und ein guter Freund des ehrwürdigen Rocker-Lagers. 1978 wirkte er stilbildend mit „The Last Waltz“, der Dokumentation über das epochale Abschiedskonzert von The Band. Es war ein ebenso gigantisches wie gemütvolles Familientreffen, mit Neil Young, Van Morrison, Joni Mitchell, Bob Dylan. In „Feel Like Going Home“ (2003) zeichnete er die Geschichte des Blues. 2005 wirkte er dann in „No Direction Home“ als Dylans passionierter Biograf.

Wenn Scorsese zur Eröffnung der Berlinale am 7. Februar seine Intensivbeobachtung der Rolling Stones aus dem New Yorker Beacon Theatre vorstellt, dann dürfen Jagger und Richards noch einmal den Herbst ihrer Karriere zelebrieren. 16 Kameraleute halten fest, wie ewige Hits anno 2006 ins vierte Jahrzehnt gehen. Und für den roten Teppich des Filmfestivals fällt auch schön etwas ab.

Doch Scorseses Stones-Doku „Shine A Light“ bedeutet mehr als nur Budenzauber für ältere Herrschaften. Der Film eröffnet ein Festival, das in diesem Jahr besonders viele Beiträge den längst vielfältigen Verbindungen von Musik und Film verdankt: Madonna zeigt ihr Regiedebüt, die Nebenreihen des Forums und des Panoramas präsentieren Filme über Patti Smith oder den argentinischen Tango, philippinische Rapper oder Hip-Hop aus Uganda. Der Berlinale-Talentcampus, Startrampe für die Filmemacher von morgen, veranstaltet eigens einen Workshop über Hip-Hop und Kino, Titel: „From Street Cred to Film Credibility“. Schon nächste Woche wiederum startet Wong Kar-wais Liebesmelodram „My Blueberry Nights“ in den deutschen Kinos – mit Popstar Norah Jones in der Hauptrolle.

Kino und Pop, ein seltsames altes Paar. Scorseses Hommage an die Stones erinert in großem Stil und mit den ganz großen Namen noch einmal an ein Genre, das anderswo längst zum Zusatzprodukt geworden ist. Während fiktionalisierte Stoffe aus dem Pop-Camp die Filmszene regelmäßig aufmischen, hat die so genannte „Rockumentary“ – der Konzert- oder Tour-Film schlechthin – ihre Strahlkraft weitgehend verloren. Es bedarf schon eigenständiger Zusatz-Ideen wie etwa bei der urigen Dorf-Doku „Full Metal Village“, um heute noch echte Spannung zu erzeugen. Den Rest übernimmt die darbende Musikindustrie. Rock- und Pop-DVDs gehörten zu den wenigen Erfolgsstories im letzten Weihnachtsgeschäft. Ein kleiner Lichtblick in der Umsatzdepression. Da gibt es Police als Super-8-Tagebuch von Drummer Stewart Copeland, Amy Winehouse im plüschigen Shepherds Bush Ballroom und die Scissor Sisters vor kreischenden Fans in der riesigen Londoner 02-Arena. Selbst der hemdsärmelige Jazzpirat Jamie Cullum ließ seine Galashow vor der historischen Kulisse des Blenheim Palace in der Grafschaft Oxfordshire aufwändig abfilmen. Soviel Musikfilm – ob live auf der Bühne, als Tour-Dokumentation oder akustisch vom Barhocker – war nie. Eine Omnipräsenz, die nur romantisch veranlagte Regisseure nicht verschreckt.

„Rockumentary“-Pionier D.A. Pennebaker drehte bereits 1988 seinen Abgesang auf die Hochzeiten des Genres. Die Pasadena Rose Bowl in Los Angeles ist seit Wochen komplett ausverkauft. Über 60 000 Fans strömen in die riesige Schüssel. Glühende Gesichter, Hektik, Anspannung, die diverse Kamerateams atemlos mitverfolgen. Als Depeche Mode schließlich aus den Katakomben auf die Bühne steigen, brandet ohrenbetäubender Jubel auf. „Everything counts in large amounts“ singt Sänger Martin Gore. Pennebaker hält alles hautnah fest: Die Faszination der Massen, den Wahnsinn des Popzirkus und die ruhigen Momente in den Musikergarderoben. Später wird aus diesem Material der Film „101“. Eine abendfüllende Dokumentation in grobkörnigem Schwarz-Weiß.

Fotograf Anton Corbijn, der Regisseur des aktuellen Joy-Division-Films „Control“, schoss seinerzeit die Bilder zum gleichnamigen Live-Album. Seine Cover-Rückseite zeigt ein Hinweisschild der Route 66, das abgerissen im Graben liegt. Die Fernstraße der Rocker hatte ihren Mythos verloren.

„101“ war ein Endpunkt der großen Ära der „Rockumentary“. Zwar konnte Pennebaker noch aus dem Vollen schöpfen. Der gewaltige Aufwand und die technische Umsetzung sorgten für eindrucksvolle Szenen. Doch keiner der Beteiligten glaubte noch an die ästhetische oder gar gesellschaftliche Sprengkraft ihres Schaffens. Aber die gebrochene Haltung der ehemaligen Londoner New-Wave-Popper, die zu Techno-Wegbereitern im amerikanischen Stadionformat mutierten, hob „101“ über ein reines Musikspektakel hinaus. Depeche Mode, die zynischen Söhne von Woodstock. In ihrer Zusammenarbeit mit Pennebaker führten Depeche Mode eine Jahrzehnte alte Tradition ins MTV-Zeitalter.

Bis dahin hatte Hollywood das Crossover von Popmusik und Film weitgehend kontrolliert. Seit Mitte der Fünfziger schöpften die Studios die Teenagereuphorie kommerziell ab, ohne sich näher mit Blues, Soul oder Rock’n’Roll zu beschäftigen. Rasch montierte Liebesgeschichten in Musical-Manier bildeten den Rahmen für die Songs von Bill Haley & Co. in „The Girl Can’t Help It“ oder „Rock Around The Clock“. Die meisten der über 30 Elvis-Filme seit „Love Me Tender“ waren schnulzig bunte Hilfsmaßnahmen zum Abverkauf der neuen Hits. Die Serie der „Beach“-Filme der frühen Sechziger mit Croonern wie Frankie Avalon funktionierten ebenfalls nach diesem reichlich schlichten Muster.

Es war der Beatles-Regisseur Richard Lester, der 1964 in „A Hard Days Night“ erstmals auf vordergründige Handlung verzichtete. Er setzte ganz auf ein beschwingt-chaotisches Lebensgefühl, das durch eine furiose Mischung aus Live-Auftritten, Backstage- und Reiseszenen der verrückten Vier transportiert wurde. „Rückblickend betrachtet hatten die frühen Musikfilme durchaus Kraft, aber sie wurden vom damaligen Hollywood-Establishment nicht ernst genommen“, bilanziert im Genrelexikon „Rock on Film“ der Soundingenieur Bert Lovett: „Sie haben sich einfach nicht dafür interessiert, bis ,Easy Rider‘ 1969 und ,Woodstock‘ 1970 für einen wahren Erdrutsch sorgten.“

Das Konzert selbst wurde zum zentralen Filmereignis, während Underdogs und Subkulturen in den Spielfilmen von New Hollywood auftauchten. Mit seiner Dokumentation des Monterey Pop Festivals im Juni 1967 lieferte Pennebaker, der Bob Dylan zuvor für „Don’t Look Back“ auf dessen Großbritannien-Tour begleitet hatte, die Blaupause aller Konzertfilme. Allein seine Montage der auf dem Festivalgelände eintreffenden Hippiehorden zu Scott McKenzies „If you’ re going to San Francisco“ sollte über Jahre hinweg zum Stilbaukasten für Tramper und Blumenkinder in aller Welt werden. Simple Zoomeffekte und psychedelische Blenden machten die bahnbrechenden Auftritte von Jimi Hendrix oder Electric Flag zu visuellen Trips. Und „Woodstock“ vermittelte 1970 endgültig die Saga von „Love, Peace & Happiness“, während die Rolling-Stones-Doku „Gimme Shelter“ das Umkippen von Euphorie in Hells-Angels-Gewalt einfing. Auch der böse Pop war damit für die Nachwelt fixiert. Schneller und direkter als bei jeder fiktionalen Bearbeitung.

Und dann war es wiederum D.A. Pennebaker, der im Juli 1973 den letzten Auftritt von David Bowie als Ziggy Stardust im Londoner Hammersmith Odeon zur Imagebibel des Glam Rock machte. Pink Floyds „Live at Pompeji“ setzte im gleichen Jahr auf eine bombastische Soundreise vor den leeren Rängen eines historischen Amphitheaters.

Als Led Zeppelin 1976 in „The Song Remains the Same“ mit einer Mixtur aus aufgeblasener Bühnenshow und absurden Fantasie-Sequenzen aufwarteten, befand sich Rock bereits im Delirium der Dinosaurier-Bands. Die Optik des Punk bedeutete einen radikalen Bruch mit diesen selbstgefälligen Schwelgereien. The Clash stellten in „Rude Boy“ das triste Leben eines Fans in den Vordergrund. Regisseur Julien Temple inszenierte 1980 mit „The Great Rock’n’Roll Swindle“ den Krawall der Sex Pistols. Als Regisseurin Penelope Spheries im gleichen Jahr mit „The Decline of the Western Civilisation“ die Anfänge des US-Hardcore-Punks festhielt, bewegte sie sich bereits in einer abgrenzten Underground-Szenerie.

Die „Rockumentary“ hatte sich auf breiter Front durchgesetzt. Doch eine Herausforderung war das Genre schon längst nicht mehr. Die Ära der Videoclips sorgte für größere Aufregung.

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