Kultur : Musikalische Provinz

NIKOLAUS SANDER

Eine Antwort auf Daniel Barenboims VorschlagVON NIKOLAUS SANDERWas ihm beim Klavierkonzert so gut wie nie passiert, bei seinem Versuch, die Klaviatur der Berliner Kulturpolitik zu bedienen, hat Daniel Barenboim gründlich daneben gegriffen.Berlin habe zu viele Orchester, mißtönt es während einer sicherlich erfolgreichen Tournee aus London nach Berlin.Eigentlich gebe es nur zwei, die von internationalem Rang seien.Nun wird die Musikstadt Berlin beneidet, weil in ihr ein so herausragender Klangkörper wie das Berliner Philharmonische Orchester beheimatet ist, und es besteht keinerlei Zweifel, daß die Staatskapelle, seit Barenboim sie leitet, ihrer schon zuvor bestehenden Qualität noch Erhebliches hinzufügen konnte.Und richtig ist auch, daß sie in der Gehaltsstruktur innerhalb der deutschen Orchesterlandschaft unterbewertet ist.Daß sich daraus Nachwuchsprobleme ergeben, ist auch nicht unbekannt.Aber der Weltruf, den Berlin als Musikstadt besitzt, beruht auf mehr.Er hat seinen Grund auch mindestens gleichrangig dadurch, daß in dieser Stadt noch mehr hevorragende Orchester spielen, daß zahlreiche Chöre in ihr musizieren und daß in den Musikschulen mit zehntausenden von Schülern musikalischer Nachwuchs und auch das Konzertpublikum von morgen herangebildet wird.Mindestens zwei Orchester bemühen sich dankenswerterweise darum, dem doch häufig konservativen Berliner Konzertpublikum die Musik des 20.Jahrhunderts nahezubringen.Die Staatskapelle und die Philharmoniker zählen trotz Abbados Bemühungen nicht dazu.Zeugt es von großer kulturpolitischer Klugheit, diese Orchester kleinzureden? Und auch die Fragen dürfen erlaubt sein: Wieviele Konzerte anderer Berliner Orchester hat Daniel Barenboim besucht, um sich über deren künstlerisches Niveau ein fundiertes Urteil bilden zu können? Welches oder welche Orchester würde er denn zur Auflösung vorschlagen? Und warum? Leitet der Künstler Barenboim nicht Wasser auf die Mühlen derjenigen, denen die Vielfalt der Kultur in Berlin unter dem Gesichtspunkt des Finanzbedarfs ohnehin nur ein lästiger Bestandteil des Haushaltsplanes ist? Ist die von der Staatsoper verstärkt betriebene Festival-Kultur, die schon allein aufgrund der Eintrittspreise eine Menge ihres traditionellen Publikums ausschließt, etwa ein Weg, neue Publikumsschichten zu gewinnen? Wozu braucht ein solcher Kulturbetrieb Subventionen? Könnte es sein, daß Barenboims Vorschlag damit zu tun hat, daß er aufgrund seiner weltweiten Konzerttätigkeiten und seiner doch eher sporadischen Anwesenheit in der Stadt möglicherweise Dinge miteinander verwechselt und ein wenig den Überblick verloren hat?Villeicht wäre es besser, wenn sich die künstlerischen Leiter unserer großen Kultureinrichtungen etwas häufiger an einen Tisch setzten, mehr miteinander kooperierten, ihre Spielpläne untereinander abstimmten, statt nur egoistisch die Interessen des jeweils eigenen Hauses im Kopf zu haben und die Abschaffung der Konkurrenz zu empfehlen.Wir brauchen die Unterstützung auch der großen Häuser bei den Beratungen über den Sondertarifvertrag des Landes mit der Deutschen-Orchester-Vereinigung, wir brauchen die Solidarität der Musiker untereinander.Wir brauchen die Unterstützung für den Senat, wenn er dem Auftrag des Abgeordnetenhauses gemäß mit dem Bund über einen Hauptstadtkulturvertrag verhandelt, und ihm anbietet, in eine gemeinsame Trägerschaft und gemeinsame Finanzierung unter anderem in allen drei Opernhäusern und beiden Konzerthäusern auf einer innovativen vertraglichen Grundlage einzusteigen, die dauerhafte Existenz und Planungssicherheit gewährleistet.Damit können wir unsere einzigartige Musiklandschaft erhalten.Wenn Berlin in die musikalische Provinz absinken soll, dann allerdings sollten wir Daniel Barenboims kulturpolitische Ratschläge befolgen.Der Autor ist für die SPD-Fraktion Mitglied des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Abgeordnetenhauses von Berlin.

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