Musikalität : Vom Singen und anderen Dingen

Jeder Mensch ist musikalisch. Christoph Drösser sammelt in seinem Buch „Hast du Töne?“ wissenschaftliche Beweise dafür.

Christiane Tewinkel

Man hat es geahnt: Musikalität ist ausgesprochen weit verbreitet. Das Problem ist nur, dass einige von uns das gar nicht glauben können. Oder möchten? Mit der eigenen Unmusikalität zu kokettieren gilt als ebenso normal wie das scheinverzweifelte Klagen über mathematische Unfähigkeit. Doch warum zu den zehn Prozent der Amusischen gehören wollen, denen Musik nichts sagt, die beim Singen nicht die richtigen Töne treffen, geschweige denn verschiedene Töne auseinanderhalten können? Wieso nicht lieber mit der angeborenen Musikalität leben?

Christoph Drösser jedenfalls, Mathematiker und Redakteur im Ressort „Wissen“ bei der „Zeit“, legt ein hartnäckiges Plädoyer für diese Option vor. Sein Buch „Hast du Töne? Warum wir alle musikalisch sind“ besteht in einer einzigen, langen Beweisführung dafür, dass unser Gehirn nach Musik verlangt, schon immer und überall: Neugeborene sind aufnahmefähig dafür, wie eine Mailänder Untersuchung von 2008 erwiesen hat. Falsches Singen – das fand man an der University of Texas heraus – rührt daher, dass das Gehirn dem Muskelapparat keine korrekten Signale über den zu singenden Ton geben kann. Und die Liebe zum wohlklingenden Miteinander mehrerer Töne muss muss nicht als „kulturelles Erbe, sondern als intrinsische Eigenschaft unseres Gehirns angesehen werden“, zitiert Drösser den Darmstädter Neuroakustiker Gerald Langner.

Es ist kein Zufall, dass das Buch gerade jetzt veröffentlicht wird. Die Entwicklung neuer Technologien zur Messung der Hirnaktivität hat die Forschung nach einem ersten Höhepunkt in den achtziger Jahren geradezu explodieren lassen. Im Rückgriff auf die Forschung unzähliger Neurologen und Psychologen umkreist Drösser systematisch die Geheimnisse der Musik. Zum Beispiel ihre Geburt aus dem Geist der mütterlichen Kommunikation mit Babys, der Sprachentstehung und des sozialen Miteinander. Oder die Funktionsweise des Gehörs. Die Auszählbarkeit von Tönen, das Thema „Musik und Gefühl“, die Grammatik musikalischer Wendungen, das Phänomen des Ohrwurms, Hörstörungen wie den Tinnitus. Oder Aspekte des musikalischen Lernens: Der Psychologe K. Anders Ericsson hat die These aufgestellt, dass es nur derjenige zur Weltklasse bringen kann, der über einen Zeitraum von zehn Jahren 10 000 Stunden Übung investiert.

Mehr soll nicht dran sein am musikalischen Geniewesen und seiner wichtigsten Galionsfigur, Wolfgang Amadeus Mozart? Nun, erstens hat dessen Vater tatsächlich von klein auf mit ihm geübt. Zweitens beschränkt sich Drösser nicht auf die Klassik. Er denkt globaler, sein Verständnis von Musik orientiert sich am Konzept der anthropologischen Konstante, seine Erfahrungsberichte stammen zumeist aus der populären Musik. Drittens aber ist dies ein Buch, das historische und ästhetische Überlegungen außen vor lässt.

Gott sucht man nicht im Weltall, die menschliche Seele nicht am OP-Tisch und die Macht der Musik eben nicht im Computertomographen. Es liegt in der Natur der einschlägigen Experimente, Störfaktoren auszuschalten, um ein Empfinden für grammatische Tonfolgen, für überraschende Klänge oder auch nur verschiedene Tonhöhen nachweisen zu können. Außerdem hilft Drössers Sachlichkeit, schlagende Argumente fürs Musiklernen bis ins hohe Erwachsenenalter hinein zu präsentieren.

Problematisch bleibt es trotzdem, die Früchte gerade der historischen Musikforschung links liegen zu lassen. Inwiefern das scheue Beharren auf der eigenen Unmusikalität auch mit der Fixierung auf das musikalische Kunstwerk zu tun hat, der typisch abendländischen Scheidung zwischen Ausführenden und Zuhörenden, wird kaum diskutiert. Und Pythagoras (den es als greifbaren Autor aber gar nicht gibt) dachte nicht über Musik im heutigen Sinne nach, wie hier suggeriert wird, sondern suchte vielmehr die Prinzipien eines religiösen Weltbildes auch im Felde der Zusammenklänge aufzufinden. John Cages „4’33“ besteht auch nicht „aus vier Minuten und 33 Sekunden Stille“, sondern aus dem Spiel mit Nebengeräuschen, mit Aufführungskonventionen und gängigen Gattungsformaten. Und ob Novalis’ Aphorismus „Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem – die Heilung eine musikalische Auflösung“ sich als Motto für das Kapitel „Musik und Gesundheit“ eignet, wäre zu klären.

Den größten Anstoß aber werden zumindest Neue-Musik-Fans an Drössers Bemühung nehmen, Aversionen gegen schräge Töne wissenschaftlich zu erklären. Dass eine „Musik, die uns nur intellektuell anspricht, auf Dauer keinen Erfolg haben kann“, ist klar. Dass diese Einschätzung ein Klischee ist, aber auch: Welcher Komponist würde wollen, dass seine Musik nichts als eine Kopfgeburt ist? Gewiss, man sollte Musik nicht allein als „rein kulturelle Hervorbringung wie Stricken oder Briefmarkensammeln“ begreifen, betont Christoph Drösser. Doch ist sie auch ein Kulturprodukt, genauso wie die Produktions- und Rezeptionsbedingungen, die zu ihr gehören.

Der Autor bleibt verständlich im Ton und klar in der Sache, er berichtet von seinen Erfahrungen als Musiker, lädt ein, auf der Website www.hast-du-toene.net die Klangbeispiele zum Buch zu hören. Bewundernswert geraten ihm bei all dem die Cliffhanger zwischen den einzelnen Abschnitten. Freilich wird auch wirksam, wovon sein erster Satz spricht: „Über Musik zu schreiben ist nicht einfach.“ Der Zauber, der von Musik ausgehen kann, scheint zumindest sprachlich nur selten auf. Eher vermittelt sich Drössers Wunsch, diesem Zauber über die Wissenschaft beizukommen – ein Wermutstropfen, der andererseits erhellt, wie reich das Angebot ist, das die Musik dem Geist unterbreitet.

Christoph Drösser: „Hast du Töne? Warum wir alle musikalisch sind.“ Rowohlt Verlag, 320 Seiten. 19,90 Euro

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