Musikbranche : "Einstelliges Minus ist ein Erfolg"

Die Musikindustrie kommt nicht aus dem Tief heraus. Der Tonträgermarkt verzeichnete im ersten Halbjahr 2006 einen Absatzrückgang von 3,4 Prozent. Dagegen boomte der Downloadmarkt. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer der deutschen Phonoverbände, Peter Zombik.

Können Sie schon endgültige Zahlen für 2006 nennen?



Die endgültigen Zahlen für 2006 liegen uns noch nicht vor, aber wir gehen davon aus, dass das Minus geringer als im Vorjahr ausfällt. Es klingt fast ein wenig zynisch, aber nach Jahren mit zweistelligen Rückgängen ist ein einstelliges Minus schon ein kleiner Erfolg. Die Rahmenbedingungen sind nach wie vor schwierig. Die Zahl der Privatkopien ist fast viermal so hoch wie die der verkauften Alben und die Welle der Internet-Piraterie ebbt nicht ab.

Wie läuft denn der Kampf gegen die Piraterie?

Die Piraterie steigt zumindest nicht an, obwohl die Zahl der Breitbandanschlüsse ständig wächst. Das muss man schon als Erfolg sehen. Im Internet sind die illegale Filesharing-Dienste nur zwei Clicks von den legalen Quelle entfernt. Der Downloadmarkt wächst, würde sich aber viel dynamischer entwickeln, wenn es die illegale Konkurrenz nicht gäbe.

Kann die Branche langfristig Herr der Lage werden?

Die heutige Bekämpfung illegaler Filesharing-Dienste ist kompliziert. Zur Identifikation der Täter müssen wir einen Strafantrag stellen, dann entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob wir Akteneinsicht bekommen und erst dann können wir zivilrechtliche Ansprüche durchsetzen. Dieser Prozess ist langwierig und kann sich pro Fall sechs bis neun Monate hinziehen. Ein schneller und einfacher zivilrechtlicher Auskunftsanspruch würde uns den Weg über die Staatsanwaltschaft sparen.

Die Verkaufszahlen stehen auch in engem Zusammenhang mit starken Veröffentlichungen. Gab es die 2006?

Auch 2006 gab es wieder viele starke Neuerscheinungen. Unglücklicherweise sind diese aber auch immer am stärksten von privaten Vervielfältigungen und Piraterie betroffen. Es gibt keinen Mangel an Talenten und Stars. Neben internationalen Top-Acts haben wir eine sehr starke kreative nationale Szene von Rammstein bis Seeed, von Juli bis Wir sind Helden. Nie wurde mehr Musik genutzt als heute. Es wird nur immer weniger dafür bezahlt.

Es gibt aber nicht mehr die ganz großen Stars, für die alle schwärmen, sondern eine nahezu unüberschaubare Zahl von Künstlern und jeder Musikstil findet Fans. Was bedeutet das für die Branche?

Natürlich gibt es unverändert Top-Stars, aber gerade für unbekannte Künstler bietet das Internet völlig neue Möglichkeiten des Marktzugangs. Diese Vielfalt im Musikmarkt hat es schon immer gegeben, aber heute nehmen wir sie stärker wahr. Das ist keine Bedrohung, sondern eine Chance für den Musikmarkt. Die spannende Frage ist, wie und ob sich damit auch Geld verdienen lässt.

Es gibt ja auch die Rechnung, dass die Tops die Flops durchziehen müssen.

Es gibt eine alte Regel im Musikgeschäft, dass von zehn Newcomern nur einer kommerziell erfolgreich ist. Mitunter dauert es zwei bis drei Veröffentlichungen. Für den Aufbau von künstlerischen Karrieren braucht man Geduld und Geld. Was heute als wirtschaftlicher Flop erscheint, kann sich in zwei oder drei Jahren schließlich auszahlen.

Mobile Music wird gerne als neues Geschäft genannt, das die sinkenden Tonträgerverkäufe auffangen soll. Wann ist es denn so weit?

Der Markt entwickelt sich erfreulich, aber wir stehen erst am Anfang. Die spannende Frage ist, wie schnell wir die Konkurrenz durch Piraterie eindämmen können. Gelingt uns das, könnte das Downloadgeschäft wesentlich zu einem schnellen Turnaround beitragen.

Es gibt auch Stimmen, die das Ende der CD vorhersagen.

Die CD wird noch lange Zeit eine große Rolle spielen. Als Mitte der 80er Jahre die CD eingeführt wurde, hieß es, in ein paar Jahren weiß niemand mehr, was eine Vinyl-Schallplatte ist. Mehr als 20 Jahre nach Einführung der CD hat sich der Vinyl-Markt in einer kleinen, aber stabilen Nische etabliert.

Wann geht es wieder bergauf für die Branche?

Das könnte schon in den nächsten ein oder zwei Jahren sein, wenn der Gesetzgeber die rechtlichen Rahmenbedingungen bei der Privatkopie und Pirateriebekämpfung deutlich verbessert. Erst dann können die neu entwickelten Geschäftsmodelle erfolgreich sein. Sonst werden in der Musikbranche weiter Arbeitsplätze verloren gehen und es wird viele künstlerische Karrieren nicht geben. (tso/ddp)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben