Musikbranche : Künstler verlieren schnell die Realität

Alle fragen sich, was mit Britney Spears los ist. Ihr neuester Song „Piece of me“ lässt nichts Gutes an der Musikbranche. „Willst Du wirklich ein Stück von mir?“, singt sie und lässt ihrem Frust freien Lauf. Am Ende des Erfolges ist man wirklich allein. So ging es auch vielen Stars der Show „Deutschland sucht den Superstar“. Die Macher leben von den Träumen der Jugendlichen. Über das raue Musikgeschäft sprach tagesspiegel.de mit Klaus Quirini.

Was geht da in Los Angeles vor sich?

Eine Künstlerin, die als junger Mensch in dem so genannten Abnabelungsprozess zwischen zwölf und achtzehn Jahren in einen Bereich hineingestoßen wird, wo sie viele Bewunderer, aber keine Freunde hat, hat es später immer schwierig lebensfähig zu sein.

In der Öffentlichkeit zu stehen, ist nicht einfach. Haben die Künstler keine Berater?

Das ist eigentlich das größte Problem. Dass die Manager, aber auch die dahinter stehenden Firmen die Verantwortung für die Betreuung des Künstlers tragen. Der Künstler erleidet verhältnismäßig schnell einen Realitätsverlust. Hier kommt es darauf an, ob er einen Manager oder einen Geschäftsführer hat. Um den Unterschied deutlich zu machen: Ein Udo Jürgens hat einen Freddi Burger oder ein Howard Carpendale hat einen Dr. Reidenfeld. Das sind für mich keine Manager, sondern sind Geschäftsführer. Die beraten den Künstler nicht nur in geschäftlichen Dingen, sondern lassen ihm psychologisch die Möglichkeit, frei zu arbeiten.

Welche Rolle spielen die Plattenfirmen?

Wir haben in Deutschland 16.000 Label und wenn man gemafreie Musik hinzunimmt über 200.000 Anbieter. Das ist explosionsartig nach oben gegangen. Die Vermarktung des Einzelnen, was durch das Internet und die technischen Erneuerungen ermöglicht worden sind, stellen einen großen Vorteil für den einzelnen Künstler, sich unabhängig auf dem Markt zu bewegen. Wir bemerken das im Verband deutscher Musikschaffender: Es sind sehr viele, die Erfolge zu verzeichnen haben, aber nicht gerne über ihre Verkaufergebnisse sprechen. Es werden in diesem Geschäft sehr schnell Geschäftsprozesse kopiert.

Führt das zu einer Emanzipation des einzelnen Künstlers oder eher zu einem Verlust der Marke des Künstlers?

Der Künstler kann heute selber bestimmen, ob er Erfolg hat oder nicht. Es geht keiner in ein Geschäft und fragt nach einem Komponisten, Textdichter oder einem Produzenten. Es kommt keiner haben sie die Neueste Platte von Ralf Siegel oder Time Warner. Es wird immer der Name des Künstlers gesucht. Er ist das Produkt. Dann wird der Name des Titels genannt. Das meiste Geld verdient der Komponist. Dann kommt der Textdichter. Dann kommt der Musikverlag, der die beiden verwaltet, weil die oft mit Administration nichts zu tun haben wollen. Dann kommt der Produzent. Dann kommt das Tonträgerlabel, der das Risiko selber von festlegen kann, mit meinetwegen 500 oder 1000 Auflage. Später versampelt er das Produkt, um die Kosten wieder reinzuholen. Danach kommt der so genannte Geschäftführer des Künstlers. Dann kommt der Booking Manager, ich sag mal die Agenturen. Dann käme der Musiker, der etwas nachspielt, was andere geistig erfunden haben. Zum Schluss kommt der Künstler, der ohne die anderen gar nichts machen kann. Er stellt aber das Produkt dar, die Bestellnummer. Wenn er verkauft ist gut. Wenn er nicht verkauft und sich selber nicht helfen kann, dann ist er in einer misslichen Situation. Deswegen sollte er sich rechtzeitig bemühen, die richtigen Berater zu haben. Die sind schwierig zu finden. Oft kennen diese sich nicht im wichtigen Lizenzbereich nicht aus. Musik ist ein reines Lizensgeschäft.

Heißt das, alle verdienen an Britney Spears, lassen sie aber allein?

Wenn das stimmt, was ich gelesen habe, dass sie 80 Millionen auf ihrem Konto hat, dann ist das viel Geld. Von jungen Jahren an habe ich Spears verfolgt. Da ist sie noch im Disney Club aufgetreten. Es ist aber nicht nur Spears, die allein gelassen wurde. Viele junge Musiker werden allein gelassen und ausgenutzt. Wir haben diese Probleme auch in Deutschland. Ich möchte hier keine Namen nennen. Mir sind einige schwere Fälle bekannt.

Ich bin gegen die Vermarktung von jungen Menschen. Ich habe in Gesprächen mit Jugendämtern und anderen Institutionen immer wieder erfahren, dass in den meisten Fällen die Mütter den Druck erzeugen und die Väter dagegen sind. Aber wenn ein junger Mensch in das Unterhaltungsgeschäft hineingestoßen wird, dann sollte er auch pädagogisch begleitet werden. Ich bitte die Eltern, wenn ihre Kinder vermarktet werden sollen, dies nur mit größter Vorsicht zu tun.

Was raten Sie jungen Künstlern, die am Anfang ihrer Karriere stehen?

Auf jeden Fall weiter machen.


Das Gespräch führte Matthias Lehmphul


Klaus Quirini (*1941) ist Vorsitzender des deutschen Verbandes der Musikschaffenden.


 

 

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