Kultur : Musikdebatte & Musical in Berlin: Leben, sagt sie

Denise Dismer

Die bonbonfarbene Hochhausfront wabert im Hintergrund, vier Mädchen erheben ihre Stimmen: "Vermisst du das denn nicht? Ich kann dir alles geben, ich lad dich ein zum Leben." Leben - das ist das Abhängen auf der Straße, die Probleme mit Drogen, die Aufregung vor der nächsten Party, die erste große Liebe. 14 Berliner Jugendliche haben zusammen mit Tanja Ries die Story für das Pop-Musical "Engel wie wir" erarbeitet. Sängerin Ries schrieb die Songs, die Choreographie übernahm Katrin Grebner von Dock 11, Florian Grupp von "Zimtfisch" machte die Musik und Esther Gronenborn die Regie. Initiator des Projektes ist Gangway, ein Verein für Straßensozialarbeit - Mitmachen durfte jeder, der die dreimal wöchentlich stattfindenden Proben bis zum Ende durchhielt.

Die inhaltliche Einbindung der Jugendlichen macht sich bemerkbar - einen moralischen Zeigefinger sucht man vergebens. "Mann, du hast meinen CD-Player vertickt!", brüllt die Freundin, "hör endlich auf mit dem Zeug!". Das Echo der Worte hallt nach, das gleichgültig lachende Gesicht der Freundin blickt im Standbild auf das Publikum. Breakdance-Einlagen gehen über in eine Szene, in der ein Pärchen vor einer Palmenstrandkulisse zu Latino-Rhythmen tanzt. Dann steht ein Junge im Lichtkegel und singt: "Jeder Tag ohne dich ist so dunkel wie die Nacht." Hinter ihm ist das Wort "Love" eingeblendet. "Wünsch dir was, ich bin deine Fee, ich bring dir das Glück!", singt ein Mädchenchor sehnsuchtsvoll. Eine andere Gruppe rappt die Antwort: "Es wird wohl nie passieren, ich werd weiter an der Kasse hocken und kassieren." Die Ehrlichkeit der Darsteller ist es, die die Qualität des Musicals ausmacht. "Engel wie wir fallen nicht vom Himmel", heißt es im Schlusssong. Das ist nicht zu übersehen: Bis zur Landung auf der Bühne haben die Engel hart gearbeitet.

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