Kultur : Musiker-Schmiede: Die Schule der Geläufigkeit

Frederik Hanssen

Im Probenraum 414 des Kammermusiksaals steht die Luft. Die riesigen Atelierfenster potenzieren die Kraft der Wintersonne. Dirigent Henrik Schaefer steht im Polohemd am Pult, viele Musiker haben die Pullover ausgezogen. Hochsommerliche Temperaturen im Februar, das passt zum Charakter des Stücks, das die Orchester-Akademie des Berliner Philharmonischen Orchesters gerade probt: Mozarts Sinfonia concertante für Violine und Viola. Wenn Schaefer den Einsatz gibt, ist der richtige Gestus sofort da, beginnt der Fuß des Zuhörers unwillkürlich mitzuwippen. Nur an der Koordination zwischen Ensemble und Solisten muss noch gefeilt werden. Eingeklemmt zwischen ersten Geigen und Bratschen, versenken sich Simon Bernardini und Thomas Rössel in ihre Soloparts. Aus rechten Ecke ruft Simons Lehrer Axel Gerhardt seinem Schützling in den Spielpausen Tipps und Anweisungen zu wie ein Boxtrainer.

Simon Bernardini ist mit seinen 25 Jahren schon ein echter Weltbürger. In Turin aufgewachsen, in Paris aufs Konservatorium gegangen, mit dem Mahler Chamber Orchestra durch Europa getourt, kam er im vergangenem September nach Berlin, um sich hier den letzten Schliff zu holen. Denn das war die Grundidee Herbert von Karajans, als er 1972 zusammen mit einer Hand voll edler Spender aus der Industrie die Orchester-Akademie gründete. Zwei Jahre lang sollten Spitzennachwuchskräfte durch Einzelunterricht bei Mitgliedern der Philharmoniker, durch gemeinsames Kammermusikmachen, aber vor allem durch regelmäßigen Einsatz im Orchester fit gemacht werden für Führungspositionen in internationalen Ensembles. In der Wirtschaft nennt man so etwas Trainee-Programm. Ein post-graduate-Studium bei den Berlinern ist im Musikbusiness mindestens ebenso viel wert wie eine Lehrzeit beim Unternehmensberater McKinsey für Betriebswirtschaftler.

"Vor meinem ersten Einsatz im Orchester war ich wahnsinnig aufgeregt", erzählt Simon Bernardini, "denn hier herrscht eine ungeheure Disziplin. Vor allem aber hören die Musiker so aufmerksam aufeinander wie ich es nur aus der Kammermusik gewohnt war." "Hier gibt es eben keine halben Sachen", ergänzt sein Partner beim Mozart-Doppelkonzert, Thomas Rössel. Auch der Bratscher kommt ins Schwärmen, wenn er von der Arbeit mit den Philharmonikern erzählt. Dass er einmal hier landen würde, hätte er sich als Jugendlicher kaum träumen lassen. Seine Familie war nicht gerade klassikbegeistert, nur der Opa spielte ein bisschen Geige und wünschte sich dasselbe für seinen Enkel. Also meldeten ihn die Eltern in Cottbus auf der Musikschule an.

Bratscher = Blondinen des Orchestersb

Das mit dem Üben nahm er allerdings eher locker. Trotzdem wurde er für die Berliner Spezialschule für Musik vorgeschlagen, als er in der siebten Klasse war. Hier wurde er dann zum Violaspieler, zuerst nicht unbedingt aus Leidenschaft für das schlecht beleumundete Instrument (Bratscher gelten als die Blondinen des Orchesters!), sondern weil ihn der Bratschen-Prof in seiner Klasse haben wollte. Inzwischen ist er über seine Entscheidung glücklich. Zum einen, weil ihm der Klang der Viola sympathisch ist, der "der menschlichen Stimme sehr nahe kommt". Zum anderen, weil die Chancen, eine feste Stelle zu bekommen, erheblich größer sind als bei den Geigern.

Beim Konkurrenzkampf um die Plätze im Berliner Philharmonischen Orchester können die Akademisten übrigens keinen Vorteil geltend machen. Für sie gelten dieselben strengen Regeln wie für alle anderen Bewerber auch. Von 416 Stipendiaten, die die Orchester-Akademie seit 1972 durchlaufen haben, wurden ganze 24 ins Orchester übernommen. So wie der Kontrabassist Peter Riegelbauer und der Klarinettist Andreas Wittmann, die als Philharmoniker-Azubis anfingen und heute als Orchestervorstände die Zukunft der einzigen basisdemokratisch organisierten Musikerrepublik maßgeblich mitgestalten. Doch auch die Lebensläufe der anderen Stipendiaten können sich sehen lassen. Fast 60 Prozent bekommen sofort im Anschluss an die Berliner Traineephase einen Job, die meisten anderen können nach einigen Probespielen Posten ergattern.

Immer wieder entscheiden sich Musiker nach dem Erlebnis "Philharmoniker" allerdings auch für einen Berufswechsel: Blättert man in der Absolventenliste, stößt man auf Instrumentenbauer, Juristen, sogar auf einen Koch. Und man findet bekannte Namen wie den von Kornelia Brandkamp, heute Solo-Flötistin des Deutschen Symphonie-Orchesters, oder den des Generalmusikdirektors der Deutschen Oper Berlin: Christian Thielemann war 1978/79 Akademist - als Bratscher!

Über ihre Berufsaussichten machen sich auch Mariska van der Sande und Elsie Bedleem, die beim heutigen Akademisten-Abend Mozarts Konzert für Flöte und Harfe spielen, keine Illusionen. Als sie ihre Eltern damals drängten, doch ein Instrument zu lernen, entschied sich Elsie für die Harfe - weil sie überzeugt war, ihre Eltern würden auf dem Dorf, wo sie lebten, garantiert keinen Lehrer finden. Sie trieben aber doch jemand auf, und zwischen dem vielsaitigen Rieseninstrument und der zierlichen Französin entwickelte sich eine Liebe, die wohl fürs Leben halten wird. Mit 16 ging sie allein nach Paris, um am Conservatoire zu studieren. Ihre Lehrerin in Berlin ist Marie-Pierre Langlamet, selber kaum über Dreißig. Die Traumstelle ist also ersteinmal besetzt.

Bei den Flöten ist durch Emanuel Pahuds Abgang zwar gerade ein Platz frei geworden, doch Mariska van den Sand winkt bescheiden ab: "Ich weiß, wo mein Platz ist." Dabeisein ist für die beiden Musikerinnen in Berlin alles. "Wer zwei Jahre lang bei diesem fantastischen Niveau mitgehalten hat, kann überall spielen", fasst die 26-jährige Holländerin ihre Erfahrungen zusammen. "Am Anfang war ich an jeden freien Abend im Konzert. Auch durchs Zuhören habe ich wahnsinnig viel gelernt", ergänzt die Französin. Darum zieht es Musiker von überall her nach Berlin. 167 der 416 Stipendiaten kamen bislang aus dem Ausland.

Mit dem schmalen Stipendium von 1200 Mark monatlich, das zum größten Teil von Mäzenen aus der Wirtschaft finanziert wird, kommt sie ganz gut über die Runden: "Wer aus Paris kommt, dem erscheint in Berlin alles billig", lacht die Harfenistin. Bei der Wohnungssuche und dem ganzen Bürokratiekram müssen sich die ausländischen Stipendiaten allerdings selber helfen. Dadurch hat Elsie Bedleem ganz nebenbei exzellent Deutsch gelernt. Wenn ihre Zeit im Herbst zuende geht, will die 23-Jährige in Deutschland bleiben: "Hier gibt es nicht nur sehr viel mehr Stellen als in Frankreich, hier werden Musiker auch höher geachtet als bei uns."

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