Musikerkarrieren : Endlich wieder solo sein!

Frederik Hanssen beobachtet die Philharmoniker beim Fremdgehen

Die Idee muss man schlicht genial nennen. Als sich Bogdan Sikora, der langjährige Assistent von Eva- Maria Hohenfels, nach dem Tod der Orchestergründerwitwe überlegte, wie er „das sinfonie orchester berlin“ neu positionieren könne, klopfte er vorsichtig bei den Berliner Philharmonikern an: Ob vielleicht das eine oder andere Mitglied des Weltspitzenensembles Lust habe, sich bei solistischen Auftritten in Berlin von seiner Truppe begleiten zu lassen? Und ob die Damen und Herren Lust hatten!

Auch in den besten, aufregendsten Klassikformationen der Welt leiden die Spieler darunter, dass sie ihr Ego zum Wohle des Zusammenklangs stets hintanstellen müssen, dass sie nur ein Rädchen im Hochpräzisionsgetriebe bilden. Die Aussicht, als Individuum im Rampenlicht vor einem Klangkörper zu stehen, ohne dafür die eigene Stadt verlassen zu müssen – ja nicht einmal den vertrauten Saal! –, erschien vielen Philharmonikern so verlockend, dass sie gar nicht groß nach Ruhm und Ansehen des bereitwillig zur Verfügung stehenden Ensembles fragten. Sondern spontan zusagten.

In den zehn sinfonischen Programmen, die von der Konzertdirektion Hohenfels in dieser Saison noch in der Philharmonie veranstaltet werden, sind nicht weniger als 13 von Sir Simons Mitstreitern zu erleben: Der Solo-Klarinettist Wenzel Fuchs ebenso wie der Hornist Stefan de Laval Jezierski, der Trompeter Gabor Tarkövi und der Solo-Bratscher Winfried Strehle, der Posaunist Stefan Schulz und der Cellist Dietmar Schwalke. Vier philharmonische Geiger werden in Konzerten von Mozart, Beethoven, Tschaikowsky und Wieniawski brillieren, ihre Zweitbegabung als Dirigent wollen der 1. Konzertmeister der Philharmoniker, Daniel Stabrawa, sowie Stanley Dodds von den 2. Violinen unter Beweis stellen.

Sie alle werden mit der geheimsten Klassikformation der Hauptstadt auftreten. Denn auch wenn „das sinfonie orchester berlin“ regelmäßig beide Säle am Kulturforum bespielt – in der Presse möchte Bogdan Sikora über die Konzerte nichts hören und nichts lesen. Das haben schon Victor Hohenfels und seine Gattin so gehalten. Kommen können die Kritiker gerne – nur mögen sie bitte hinterher mit ihrer Meinung hinterm Berg halten. Und so haben die solistischen Seitensprünge der Berliner Philharmoniker nur einen Makel: Die Öffentlichkeit wird weder aus der Zeitung noch aus dem Radio von den virtuosen Heldentaten der Musiker erfahren.

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