Musikfest Berlin 2016 : Ein Hauch von Hollywood

Das brillante "John Wilson Orchestra" bietet beim Musikfest Berlin Filmmusik der 30er und 50er Jahre - und einen prominenten Aushilfspaukisten

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Schlagfertig. Als Überraschungsgast trat Sir Simon Rattle auf.
Schlagfertig. Als Überraschungsgast trat Sir Simon Rattle auf.Foto: Peter Adamik

„Wir könnten noch eine Zugabe spielen“, sagt John Wilson, als das Publikum gar nicht aufhören will zu applaudieren. „Allerdings“, fügt er mit listigem Lächeln hinzu, „brauchen wir dafür einen zusätzlichen Schlagzeuger. Ist vielleicht ein gelernter Perkussionist im Saal?“ Tatsächlich meldet sich ein Herr mit weißgrauem Wuschelkopf: Sir Simon Rattle höchstpersönlich nimmt hinter den Pauken Platz, um bei Frederick Loewes „Gigi“-Walzer für den nötigen Wumms zu sorgen.

Dem Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker haben John Wilson und sein Orchester auch ihr Berlin-Debüt zu verdanken. Denn er war es, der Winrich Hopp, den künstlerischen Leiter des Musikfests Berlin, auf die tolle Truppe aufmerksam machte: ein Projektensemble, in dem sich Instrumentalisten aus den besten britischen Orchestern zusammenfinden, um den legendären Klang der großen Hollywood-Musikfilme der dreißiger bis fünfziger Jahre wieder aufleben zu lassen. In den originalen Arrangements, die John Wilson Stimme für Stimme nach dem Gehör rekonstruiert hat – weil das komplette Notenarchiv der MGM 1969 geschreddert worden ist.

Vom ersten Takt an entfesseln Mister Wilson und sein Solistenorchester einen absolut brillanten, authentischen Cinemascope-Sound, und doch ist fast schon die Pause erreicht, als im Saal endlich die richtige Partystimmung herrscht. Vielleicht hätte man statt des kalten Arbeitslichts doch ein wenig Show zulassen sollen, bunte Scheinwerfer, dazu einen Moderator, der etwas zu den Filmen sagt, um die es hier geht, zu „Meet Me in St. Louis“ oder „Kismet“, die in Deutschland ja kaum jemand kennt.

Ein weiteres Problem ist die Lautsprecheranlage. Verstärkte Stimmen klingen in der Philharmonie immer scheußlich, wie aus der Blechdose. Dabei stehen mit Louise Dearman und Scarlett Strallen Musical-Profis auf der Bühne, Richard Morrison ist ein erfahrener Opern-Bariton, Matthew Ford mit einer betörenden Schmeichelstimme gesegnet. Doch ihre Töne wirken wie glanzloses Mono, während sich das Orchester in feinstem Dolby-Surround verströmt. Sensationell, wie sich Swing und Edelkitsch dabei mischen, wie Big-Band-Power auf den akustischen Zuckerguss der Streicher trifft. So leicht, so nonchalant, so spontan wirkt das alles – und ist doch das Ergebnis harter, detailversessener Probenarbeit.

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