Musikfest Berlin : Die sinnliche Seite der modernen Klassik entdecken

Das Musikfest Berlin sucht diesmal das Sinnliche in der Moderne. Zwei Komponisten stehen im Mittelpunkt: Luciano Berio und Pierre Boulez. Beide sind 1925 geboren und haben die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts geprägt.

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Auf dem Musikfest Berlin wird der 85. Geburtstag des Komponisten Pierre Boulez nachträglich gefeiert.
Auf dem Musikfest Berlin wird der 85. Geburtstag des Komponisten Pierre Boulez nachträglich gefeiert.Fotos: Universal Edition/Eric Marinitsch

Wenn Orchester auf Tournee gehen, trumpfen sie gerne mit großem sinfonischen Repertoire auf, mit Beethoven-Zyklen, monumentalen Mahler-Sinfonien oder brillanten Strauss’schen Tondichtungen. Von den Musikern, die beim Musikfest Berlin 2010 auftreten werden, hat sich Winrich Hopp, der künstlerische Leiter des aus dem Festwochen hervorgegangenen Festivals, genau das Gegenteil gewünscht: Sie sollen nicht nur als kompakte Masse auftreten, sondern ihre geistige Beweglichkeit unter Beweis stellen, indem sie den Abend in ganz unterschiedlichen Formationen bestreiten, vom Solo über Ensemblebesetzungen bis hin zum bühnenfüllenden Tutti. Eine übrigens ganz traditionelle Überlegung: Bevor sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Abfolge aus Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie entwickelte, waren stilistisch wie personell bunt gemischte Programme in den Konzertsälen der Normalfall.

Orchester herauszufordern, ist Winrich Hopps Leidenschaft: Mit sanftem Nachdruck bearbeitet er die Edelklangkörper so lange, bis sie sich von seinen Ideen anstecken lassen, seinem programmatischen Ansatz zu dem ihren machen. Das gilt für die Bühnenlogistik wie für die inhaltliche Gestaltung. In seinem vierten Jahr als Musikfest-Macher stellt Hopp zwischen dem 2. und 21. September zwei Komponisten in den Mittelpunkt, deren Werke so gar nicht zum gängigen Gastspielrepertoire gehören. Beide sind 1925 geboren, beide haben die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt, beide sind im Klassikalltag weniger präsent, als sie es verdienen. Da ist zum einen der Italiener Luciano Berio, der 2003 verstorbene Meister des akustischen objet trouvé und der musikethnologischen Collagetechnik. Und zum anderen Pierre Boulez, der quicklebendige Doyen der französischen Avantgarde, dessen 85. Geburtstag beim Musikfest nachgefeiert werden soll.

Uraufführungen macht jeder Intendant gerne – weil sie mediale Aufmerksamkeit garantieren und sich hervorragend als Feigenblatt in Subventionsberechtigungsdebatten nutzen lassen. Wer aber die Erinnerung an wegweisende Partituren der Nachkriegszeit wach halten will, muss hart kämpfen, gegen die Beharrungskraft der Apparate und gegen mangelnde Neugier bei weiten Teilen des Publikums wie der Künstler. Der 49-jährige Winrich Hopp stellt sich dieser Herausforderung mit diplomatischer Raffinesse und missionarischer Beharrungskraft. Seine Musikfest-Schwerpunkte zu Ives, Varèse und Debussy, Stockhausen, Messiaen und Bruckner, Schostakowitsch und Xenakis haben ihm Respekt in der hauptstädtischen Klassikszene verschafft, und auch die Zuschauer sind mittlerweile bereit, sich von seiner anspruchsvollen Auswahl überzeugen zu lassen.

Nach dem Blick auf das „Zeitalter der Extreme“ im vergangenen Jahr, einem naturgemäß düsteren, aber auch emotional durchrüttelnden Musikfest, wendet sich Hopp diesmal – mit einem Mallarmé-Zitat – dem „reinen, lebensvollen, schönen Heut und Jetzt“ zu. Plakate und Programmvorschau zeigen lachende Menschen, die Vorfreude schüren sollen auf die Begegnung mit der sinnlichen Seite der Moderne. So philosophisch tiefgründelnd die beiden Komponisten ihre Werke auch konzipiert haben, im klingenden Entstehen, bei der Übersetzung der Partitur in eine lebendige Aufführung spürt man bei Boulez wie Berio immer, dass echte Leidenschaft den kreativen Prozess antreibt.

Und Neugier: Auf ganz unterschiedliche Weise haben Boulez und Berio fremde Traditionen für sich entdeckt, Einflüsse aus allen Kulturen, aus aller Herren Länder in sich aufgenommen. Die Generation der um 1925 Geborenen, die durch den Krieg viel Leid erfahren und viel Lebenszeit verloren hatten, konnten nach 1945 gar nicht schnell genug Anschluss finden an die internationalen Kunstdiskurse. Luciano Berio reiste schon 1952 nach Amerika, Pierre Boulez kam auch als gefragter Dirigent viel herum. Ein glücklicher Umstand für die Nachwuchskomponisten war, dass gerade in Deutschland die zeitgenössische Musik intensiv gefördert wurde, weil die Alliierten für den demokratischen Neustart auf die jungen Intellektuellen setzten. Boulez und Berio lernten sich 1956 bei den legendären Darmstädter Ferienkursen kennen und schätzen, wo zwischen den unterschiedlichen Strömungen der musikalischen Avantgarde ultradogmatisch um eine neue, verbindliche Ästhetik gerungen wurde. Ihre Freundschaft hielt über die Jahrzehnte, auch wenn sie sich in ganz unterschiedliche Richtungen entwickelten: Berio wurde zum Klangsammler, interessierte sich für die Quellen nationaler Folkloretraditionen aber auch für Jazz, Alltagsgeräusche – und Gustav Mahlers multistilistische Musik. Boulez dagegen differenzierte Schönbergs Reihentechnik maximal bis in alle Parameter musikalischer Ausführungsvorschriften aus, wollte als Kopfmensch ergründen, wie man nach dem Ende der Tonalität noch „den schöpferischen Rauschzustand organisieren“ kann. Vorbild war ihm dabei Bachs „Kunst der Fuge“, die darum auch am 2. September vom Keller Quartett im Kammermusiksaal aufgeführt wird, als Präludium der offiziellen Musikfest-Eröffnung tags darauf in der Philharmonie.

Auch wenn Winrich Hopp diesmal keine amerikanischen Spitzenorchester aufbieten kann, hat er mit London Symphony Orchestra und dem London Philharmonic Orchestra, dem Amsterdamer Concertgebouworkest und dem Pariser Ensemble Intercontemporain doch feinste Vertreter aus old europe dabei. Aus Bayern reisen die Bamberger Symphoniker sowie Kent Nagano mit seinem Staatsorchester an, aus NRW die Musikfabrik, aus dem Norden der NDR-Chor, aus Stuttgart das SWR-Sinfonieorchester samt Vokalensemble. Zusammen mit den Berliner Orchestern stemmen sie zehn Berio- und 17 Boulez-Stücke, von denen einige seit Jahrzehnten nicht mehr in Berlin zu hören waren. Als dritter Mann wird übrigens auch Igor Strawinsky eine wichtige Rolle spielen: als ästhetische Leitfigur für beide Komponisten – und Kompromissangebot an jene Orchester, die bei ihrer Programmplanung dann doch nicht ganz so mutig sind wie Winrich Hopp.

Am Beginn steht Berio im Mittelpunkt, zur zweiten Musikfest-Hälfte stößt Pierre Boulez höchstselbst hinzu, direkt aus Luzern, wo er die Festival Academy für junge Künstler leitet. Mit den Berliner Philharmonikern wird er sein „explosante-fixe“ erarbeiten, und außerdem mit Strawinskys „Le Rossignol“ jenes Stück aufführen, das ihn 1942 dazu inspirierte, sich ganz der Musik zu widmen. Zum Abschluss gibt es dann – typisch Hopp – statt einer eventhaften Geburtstagsgala einen Werkstattabend zu Ehren des 85-Jährigen: Daniel Barenboim wird Boulez-Werke erklären, die „Notations“ in der Urfassung als Pianist selber interpretieren sowie in der Orchesterversion mit der Staatskapelle spielen. Die Chancen stehen gut, dass aus diesem Musikfest eine echte Überraschungsparty wird.

2.–21. September. Infos und Tickets unter www.musikfest-berlin.de

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