Musikfest Berlin : Late Night als Selbstzweck

In der Philharmonie spielt Violinistin Patricia Kopatchinskaja zur späten Stunde unter anderem Musik von Galina Ustwolskaja. Ein undurchdachter Abend.

Moritz Eckert
Patricia Kopatchinskaja
Spielte in der Philharmonie zur späten Stunde - Patricia KopatchinskajaFoto: Marco Borggreve

Nach den ersten Minuten beginnt in der gut gefüllten Philharmonie die Unruhe. Programmzettel rascheln, die Zuhörer rutschen unruhig auf den Sitzen hin und her. Auf der Bühne spielen die Violinistin Patricia Kopatchinskaja und der Pianist Markus Hinterhäuser, Direktor der Wiener Festwochen und designierter Intendant der Salzburger Festspiele, die Sonate für Klavier und Violine der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja. Das Stück, so erklärt der Handzettel, sei "eine der lyrischsten Kompositionen" der 2006 verstorbenen Künstlerin. Das mag zwar stimmen, aber trotzdem ist die Hörerfahrung für Ohren mit weniger Erfahrung in zeitgenössischer Musik eher irritierend bis verstörend. Keine sofort hörbaren Zusammenhänge, dafür fast schon aggressives Bearbeiten von Violinensaiten und Klaviertastatur.

An sich spricht natürlich nichts dagegen, der Musik der wahrscheinlich wichtigsten russischen Komponistin des 20. Jahrhunderts eine Bühne zu geben. Aber allem Anschein nach hat man sich wenig Gedanken um das Publikum gemacht. Denn dies ist kein herkömmlicher Abend. Erst um 22 Uhr betreten die Künstler die Bühne, ein Late Night-Konzert also.

Die ersten Erschöpften schleichen zu den Türen

Solche Veranstaltungen sind eigentlich eine schöne Idee, schließlich sprechen sie gerade die Zielgruppe an, von der man gemeinhin annimmt, dass sie mit klassischer Musik nichts bis wenig zu schaffen habe, nämlich die Menschen unter 50.  Nun muss man bei solchen Konzerten nicht gerade die "Kleine Nachtmusik" spielen. Es spricht auch nichts dagegen, an einem solchen Abend E-Musik der jüngeren Vergangenheit zu spielen. Gerade diese klanglich außergewöhnlichen Kompositionen sind ja häufig die spannendsten. Aber das sollte dann doch vernünftig durchmischt sein mit eher leichter bekömmlichen und gleichzeitig interessanten Stücken.

An diesem Abend bildet die Musik Ustwolskajas den breiten Rahmen um einige kurze mittelalterliche und barocke Stücke, die zwar "den Anfang der Mehrstimmigkeit" (Programmzettel) markieren mögen, aber doch ziemlich austauschbar sind und von Patricia Kopatchinskaja dazu auch noch ziemlich grob angefasst werden. Laurence Dreyfus an der Diskantgambe arbeitet hier wesentlich feiner und filigraner. Wirkliche Spannung kommt trotzdem nicht auf. Nach den letzten Tönen schleichen die ersten Erschöpften zu den Türen.

Sie verpassen den zweiten großen Brocken: Ustwolskajas Duett für Violine und Klavier. Das Zuhören wird immer mühsamer. Auch die Fans zeitgenössischer Klassik werden auf die Probe gestellt, teilweise kommen sie geradewegs aus dem 19 Uhr-Konzert der Berliner Philharmoniker mit Musik von Wolfgang Rihm und Peter Eötvös. Fast schon erleichtertes Aufatmen nach dem letzten Ton, viele Besucher eilen bereits in den ersten Applaussekunden in Richtung Ausgang.

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