Musikfest Berlin : Wie klingt Utopie?

Das Musikfest hat vor allem amerikanische Komponisten vorgestellt. Jetzt geht es zu Ende – ein Nachklang.

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Verführer. Latonia Moore als Bess und Howard Haskin als Sportin’ Life in George Gershwins „Porgy and Bess“.
Verführer. Latonia Moore als Bess und Howard Haskin als Sportin’ Life in George Gershwins „Porgy and Bess“.Foto: Monika Rittershaus

„Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit und Neugierde gerade auf den Punkt zu konzentrieren vermöchten, an dem Sie nichts zu tun haben, hätten Sie mehr von Ihren Leben als sonst.“ John Cage ringt in seiner berühmt gewordenen „Rede an ein Orchester“ spürbar um Fassung. Aus dem Stegreif hält er 1976 den Mitgliedern des Residentie-Orkest Den Haag eine Standpauke – ohne dabei Lärm zu schlagen. Vorangegangen waren katastrophale Proben zu „Atlas Eclipticalis“, jenem Werk, das Cage von Sternkarten auf Notenpapier übertragen hatte.

Die Musiker muss angesichts der langsam kreisenden Klänge das Lachen hinweggerissen haben oder musikantisches Besserwissen oder beides. „Wenn wir uns als Menschenwesen von dem Geschäft, uns auf Messungen zu verstehen, nur ein wenig weiter entfernen und ins Unbekannte vordringen könnten …“, seufzt der langmütige Komponist.

Cage ist neben Charles Ives die Schlüsselfigur des am Sonntag zu Ende gehenden Musikfests 2012, das sich den Klängen Amerikas verschrieben hat. Wenn unter der hingebungsvollen Leitung von Peter Rundel die Junge Deutsche Philharmonie und das Ensemble Modern seinen „Atlas Eclipticalis“ im Kammermusiksaal anstimmen, wenn die Lichter auf den Notenpulten überall im Rund des Raumes gleißen wie nächtliche Himmelskörper, dann fallen Einkehr und Aufbruch in eines. Und Cage vermag es noch immer: Räume zu öffnen, anzuregen.

Enttäuschungen inklusive. Denn die Hommage zum 100. Geburtstag zeigt auch, wo die Gedanken des Komponisten ihre klangliche Materialisierung überflügeln. So ist das Wiederhören mit „Cheap Imitation“, die Cage wegen eines Urheberstreits mithilfe von Zufallsentscheidungen aus Saties Musik ableitete, quasi eine Künstler-Raubkopie, trotz einer akribischen Aufführung eher als geistiger Exkurs denn als Hörgeschehen aufregend. Das simultan ablaufende Kompositionsdoppel zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Amerikas – „Apartment House 1776“ und „Renga“ – wirkt durch die demonstrativen Indianerlautgebungen der Musiker überladen und stark vom Zahn der Zeit angenagt.

Ein Phänomen, das sich bei Ives überhaupt nicht einstellt – egal ob ihn Kent Nagano gleich zum Auftakt als Klassiker adelt, Michael Tilson Thomas die Melancholie seiner Klangerinnerungsbilder herausarbeitet oder Ingo Metzmacher und Pierre-Laurent Aimard den visionären Konstrukteur würdigen. Ives, dieser Uramerikaner, Organist und Lebensversicherungsunternehmer wurde erst ein halbes Jahrhundert nach seiner großen schöpferischen Phase „entdeckt“. So lange komponierte er „im vollen Wissen, dass das Werk nie gespielt werden würde, vielleicht auch nie gespielt werden könnte“.

Diese utopische Qualität seiner Musik ist es, die Ives immer wieder zu unserem Zeitgenossen werden lässt. Seine Werke mit ihren sich überlagernden Klangschichten sind im Grunde genommen nie fertig. Exemplarisch hätte man dies an seiner „Universe Symphony“ zeigen können, diesem gewaltigen Fragment, dass mit uns durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft reist. Doch Winrich Hopp, der künstlerische Leiter des Musikfests, hat das Konzertkorsett recht fest geschnürt. Auch Ives’ 114 Songs wären eine Eigenproduktion wert gewesen: Musiktheater, das vom Musikstudenten bis zum Staatsschauspieler viele Akteure hätte einbinden – und damit auch ein weites Publikum ansprechen können.

Daran, dass die Ansprache mit zum (Musik-)Fest gehört, erinnert natürlich ein Amerikaner. Michael Tilson Thomas lässt es sich nicht nehmen, auf Deutsch kurz und sinnlich in die Welt von Copland und Feldman einzuführen. Ein charmanter Profi, fern jeder Verkrampfung, der einst als Nachfolger Bernsteins eine Fernsehserie für Kinder übernommen hatte. Seine Haltung überträgt sich nicht nur auf das Publikum in der Philharmonie, sondern auch auf das London Symphony Orchestra, das einen Glanzpunkt des Festivals setzt.

Wie man allen Beteiligten programmatisch die Luft abdrücken kann, zeigt dagegen das Gastspiel von Mariss Jansons und seinem Concertgebouworkest. Vareses scharfkantige Orchesterskulptur „Amériques“ mit Schönbergs „A Survivor from Warsaw“, Strawinskys „Psalmensymphonie“ und Barbers „Adagio für Strings“ hermetisch abzuriegeln, gleicht dem kollektiven Werfen von Löschdecken in der Philharmonie. Die Folge: Der Funke springt nicht über, und die rare Chance verrinnt, „Amériques“ in seiner unendlich aufwendigen Urfassung wirklich erleben zu können. Eigentlich hätte man das Werk gleich noch einmal spielen müssen. Doch welches Weltklasseorchester ist schon derart spontan?

Um sein „Pursuit of Happiness“ beim Musikfest zu wahren, fällt das Publikum geradezu enthusiastisch über John Adams her, der seine neominimalistische Zeitoper „Nixon in China“ selbst dirigiert, wiederum mit einem herausragenden britischen Orchester, der BBC Symphony. „How much of what we did was good?“, fragt sich darin am desillusionierten Ende Maos Premierminister. Ach, wenn wir nur ein wenig weiter ins Unbekannte vordringen könnten. Wir hören Cage seufzen.

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