Musikfest: Deutsches Symphonie-Orchester : Gold geht an Ligeti

Dirigent Jakub Hrůša brilliert bei der Saisoneröffnung des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Ligeti, Dvořák und einem neuen Stück von Olga Neuwirth.

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Jakub Hrůša am Sonntag in der Berliner Philharmonie.
Jakub Hrůša am Sonntag in der Berliner Philharmonie.Foto: Kai Bienert

Seit wenigen Tagen erst ist Jakub Hrůša Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, als Nachfolger von Jonathan Nott. Große Fußstapfen! Jetzt steht er schon in Berlin und dirigiert in der Philharmonie ein Konzert, das zugleich die Saisoneröffnung des Deutschen Symphonie-Orchesters ist. Und auf dem Hrůša, 1981 in Brünn geboren, gleich mal klarstellt: Er hat das Zeug, den Ruhm der Bamberger noch weiter zu mehren. György Ligetis „Concert Românesc“ (1951) etwa: Kraftvoll zupackend, im Zweifelsfall eher überexpressiv als zu brav, dabei immer präzise und klar definiert, so führt, ja peitscht der Tscheche die Berliner durch die kunstvoll verflochtenen, ungestüm vorantreibenden Tänze. Ligeti hat sich von der rumänischen Folklore inspirieren lassen, der er sich als Siebenbürger immer nahe fühlte.

Dann ein brandneues Stück, vor zwei Wochen in Luzern uraufgeführt, jetzt erstmals in Deutschland zu hören: „Trurliade – Zone Zero“ von Olga Neuwirth. Ein Schlagzeugkonzert, das ursprünglich ein anderer Österreicher, Martin Grubinger, hätte interpretieren sollen. Mit Einspringerin Robyn Schulkowsky kommt ein weicherer, lyrischerer, mysteriöserer Anschlag ins Spiel, als ihn Grubinger mitgebracht hätte, dieser Extremsportler am Schlagwerk, bei dem man immer erwartet, dass er als nächstes ins Magnesium greift und die Wände der Philharmonie hochklettert. Chinesische Gongs, Kuhglocken, Bratpfannen, Autofeder, ein großes gelbes Ölfass, „zwei Metallobjekte vom Schrottplatz“ – Neuwirth schreibt genau vor, was zum Einsatz kommt. Fundstücke, Ready-mades, die die Kunst mit Wirklichkeit druckbetanken sollen, kein ganz neues Verfahren.

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Der Wille zum Klang

Die Solistin steht als Individuum einer überwältigenden Masse gegenüber, verkörpert von den flächigen Streicherklängen des Orchesters, die wiederum durchsetzt werden von Einwürfen, Zuspielungen, Zwischenrufen. Es klingt nach Großstadtgetriebe, nach Stahlwerk, ein Hauch von Ground Zero schwingt in der Luft. „Zwei plus zwei ist sieben“, verkündet ein Musiker ins Megafon, ein Verweis auf Stanisÿaw Lems Erzählung „Trurls Maschine“, in der ein Automat seinem Schöpfer seine Logik aufzwingen will – und nach der Neuwirths Konzert benannt ist. Schulkowsky werkelt wie eine Alchimistin in der Küche, schabt, reibt, schlägt, verrührt Schallwellen mit der bloßen Hand. Was nicht verhindern kann, dass Neuwirths kompromissloser Willen zum Klang am Ende, neben viel Bravos, auch Buhs erntet.

Die Protestler bekommen nach der Pause, was sie wollen: satte Romantik. Doch Antonín Dvořáks 4. Symphonie besitzt noch nicht jenen wie selbstverständlich strömenden Fluss der Themen, der die Spätwerke so verführerisch leuchten lässt. Hrůša macht trotzdem das Beste draus, lässt weite, duftende Streicherbögen unter seinen Händen aufblühen und die eigentlich harmlosen Volksfestmelodien des Scherzos abgründig klingen, verleiht dem Werk eine Dramatik, die es eigentlich gar nicht hat. Dvořák müsste sich, würde es eine Siegerehrung um das mitreißendste Stück des Abends geben, ungewohnt mit Platz drei begnügen, neben Neuwirth mit Silber. Gold geht an Ligeti.

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